Happy alternative - Glücklich öko

Dienstag, 8. Juli 2008 0:15

Es ergab sich auf einem meiner vielen Erkundungstrips in die nähere Umgebung meiner neuen Heimat, dass ich auf geheimnisvollem, fast schon verbotenem Terrain landete, nämlich in einer Kommune mitten im Wald. Bundagen heisst der Ort, versteckt im Wald gelegen zwischen Strand und Highway auf halben Weg zur nächsten Stadt Coffs Harbour. Muss doch zu finden sein, dachte ich mir. Ich war noch neu hier und fing gerade an, mich vertraut zu machen. Schon mehrmals hörte ich das Wort Bundagen, aber was das ist, was dort zu sehen ist, wie die Menschen dort leben, all das blieb zunächst im Dunkeln. Also machte ich mich selber auf den Weg und schaffte es irgendwie auch ohne Hinweisschilder den richtigen Waldpfad zu erwischen und fand mich vor einem Tor nebst riesiger überdachter Bekanntmachungstafel ein. Einlass nur für Mitglieder - wie denn das? Mir wurde gesagt, dass jeden Dienstag Eintritt für Jedermann ist, wenn der kleine Ökomarkt stattfindet und vegetarischer Lunch angeboten wird. Heute war Dienstag und ich fuhr weiter bis zu einer grossen Wiese, wo allerhand buntes Völkchen beisammen sass.

Theke vom Lebensmittelgeschäft

Um das runde Gemeinschaftshaus, auf den Terrassen davor, im Gras sitzend und bei den Verkaufsstellen, alternatives Flair, bunte Walla-Röcke, strubbeliges Haar, Lagen-Look, nackte Füsse und Stiefel, über allem ein leichter Geruch nach Räucherstäbchen. Hier kommt also das wunderbare “Rustic Wheat”-Brot her, das in der Gegend reissend weg geht - im Holzofen gebacken mit echtem Sauerteig, für mich brotverwöhnte Deutsche das einzig akzeptable Brot (bis ich lernte, mein eigenes zu machen). Aber wo ist die Bäckerei? Später lerne ich, dass die gar nicht hier ist.

Schlangestehen am Brotstand für Rustic Wheat und echtes Vollkornschwarzbrot

Na, ich war sehr schüchtern bei diesem ersten Rundgang durch eine echte Kommune. Mein Wissen darüber war gleich Null und ich staunte nicht schlecht, als ich einem Pfad folgte, an dessen Rändern sich eigentümliche, selbstgebastelte Unterkünfte aufreihten. Vereinzelt erspähte ich eine kleine Plattform mit Rohrgestänge, das in einem Duschkopf endete. Die Ansammlung war weit verstreut zwischen Obstbäumen, Gemüsegärten und einheimischen Bäumen. Es duftete bezaubernd, wahrscheinlich nach Jasmin. Der Weg zog sich hin und dann war ich am Meer. Der Strand, auch hier wie überall, einsam, sauber, schön. Ich beendete meine Inspektion, um noch was vom Mittagstisch abzukriegen. Leckere vegetarische Kost, zu moderatem Preis.

Schlangestehen an der Essensausgabe

Mittagessen

Noch fühlte ich mich fremd inmitten dieser bunten Schar von Menschen, sie lächelten mich freundlich an aber liessen mich in Ruhe. So habe ich denn nur beobachtet und mir vorgestellt, wie glücklich doch diese vielen kleinen Kinder aufwachsen.

Jahre später kauften wir selber ein Grundstück und dann erzählten mir meine deutschen Nachbarn, dass sie zweieinhalb Jahre lang in eben dieser Kommune gelebt hatten - bis ihnen die Bürokratie und das Votum-System nicht mehr gefielen. Jedes Kommunemitglied least ein Grundstück und muss sich gleichzeitig den internen Gesetzen beugen, am Ende bewegt sich recht wenig, denn genau wie bei der UNO, kommt selten eine gemeinsame Stimme zustande, einer macht immer von seinem Votum Gebrauch. Na ja, so ganz genau sind mir die internen Regeln nicht bekannt, aber so locker wie ich dachte, geht es dort mit Sicherheit nicht zu. Für Pia, meine Nachbarin war das Leben dort vor 24 Jahren jedenfalls ganz schön hart. Gerade war ihr erstes Kind geboren, es gab keinen Strom (gibt es bis heute nicht, nur Solar), sie und Peter hatten kaum Geld aber eine Kuh. Die melkte Pia täglich und machte Butter, Quark und Sahne selber, pflanzte Gemüse und schrubbte die Stoffwindeln von Hand im Waschzuber. Und genau so leben die heutigen Kommunarden noch immer, ihr schlimmstes Ökoverbrechen ist der Besitz eines Autos, aber selbst die Alternativen müssen Zugeständnisse machen.

Inzwischen war ich zur eifrigen Leserin des Ökomagazins “Grass Roots” geworden. Der interessanteste Teil darin ist die umfangreiche Sektion mit Feedback on Feedback-Briefen. Leser schreiben ihre Erfahrungen und auf diese schreiben wiederum Leser - meist ein älteres Publikum, aber inhaltlich für mich äusserst wertvoll, denn gartentechnisch tickt hier in Down Under alles anders und es gab soviel für mich zu lernen. Nicht, dass ich den Alternativen nacheifern wollte, nein, nur zu meiner eigenen Freude wollte ich Grünzeug und Obst wachsen lassen. Ich schickte der Zeitung ein Foto von Hippeastrum(Amaryllis)-Zwiebeln, die ich in grossen Umzugskartons im Schuppen zwischengelagert hatte und dann völlig vergass. Sehr zu meiner Verblüffung entwickelten die grossen Zwiebeln binnen ein paar Wochen lange Stengel, an deren Enden sich rieisige wunderschöne Blüten entfalteten - und das fast ohne Licht und völlig ohne Erde und Wasser. Ich war baff und wollte meine Freude darüber kundtun. Aus den zahlreichen Briefen, die mich darauf hin erreichten, entwickelte sich zwischen einer Frau aus Sydney und mir ein reger Briefwechsel, der endete, als Mara ankündigte, sie und ihre Tochter wollten nach Bellingen ziehen. Und dann waren sie hier, Mara - ein paar Jährchen älter als ich und ihre Tochter Kris, die als Zeichnerin kurz vorher arbeitslos geworden war, weil Disney Sydney ihre Trickfilm-Produktion eingestellt hatte. Mara wollte wieder so ein ländliches Leben führen, wie sie es aus ihren Jugendjahren in Maine/USA kannte. Und Kris, fast schon Veganerin, träumte schon lange vom alternativen Lifestyle. Als ich dies hörte, erzählte ich den beiden, was ich über die Kommune in Bandagen wusste. Ja, und dort ist es dann tatsächlich passiert. Kris, die 40jährige Grossmutter (!) verliebt sich in einen Kommunarden, bekommt ein Kind von ihm und gemeinsam sind sie nun Teil der grossen Bundagen-Community.

Stolze (Gross)Mama Kris und Söhnchen Falcon

Von Sydney-Bondi nach Bundagen - Kris vor ihrem vorläufigen “Haus”. Sobald die übrigen Kommune-Mitglieder ihr OK gegeben haben, wollen Kris und David ein “richtiges” Haus für ihre Familie bauen. Bis dahin heisst es im Freien kochen:

Freiluft-Küche

Daddy David und Falcon

Mara ist mir als gute Freundin sehr ans Herz gewachsen und ich freue mich mit ihr, dass sie kürzlich auch ihr Paradies gefunden hat - ein schönes Haus mit grosser Wiese, wo Kris und Davids zwei Hobbypferde genügend Auslauf haben - nur einen Kilometer von Bundagen entfernt.

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Twitchers birdy-neardy Syndrome…

Dienstag, 27. Mai 2008 2:26

…man kann auch sagen: Wenn der Drang, Vögel zu beobachten manische Züge annimmt und die Leidenschaft beginnt weh zu tun. Soweit ist es bei mir zum Glück nicht und wird wohl auch nicht kommen. Dass es überhaupt Vogelbeobachter gibt, die ihrem Hobby mit ungezügeltem Enthusiasmus nachgehen, wie man sie sonst eher von Briefmarkensammlern kennt, war mir bis vor kurzen nicht bewusst. Obwohl mit ihrem Habitat durchaus vertraut und auch engagiert, habe ich mir bis dato keine Gedanken darüber gemacht, was es heisst, ein “Birder” zu sein. Zu flüchtig ist die Erinnerung an ihr Auftreten von vielen Jahren am Eingang einer geschützen Schlucht am Cap Formentor auf Mallorca. Da standen frühmorgens ein paar von ihnen, fünf oder sechs Gestalten in Tarnfarben nebst Käppi, ein jeder sich anklammernd an Stative auf die abwechselnd Ferngläser und Fotoapparate geschraubt wurden - beide mit höchstmöglichem Zoom, versteht sich. Erst jetzt dämmert es mir: das waren Vogelbeobachter! Und weil mir damals schon höchst suspekt war, was denn da in den Büschen zu sehen wäre, ging ich auch in Bellingen zu meinem ersten Birders-Outing mit Skepsis im Kopf, einem kleinen Fernglas und grosser Kamera am Bauch. Und wurde nicht enttäuscht. Wie im A bis Z of birding die Titelgeschichte der neuesten Ausgabe vom Australian Geographic sehr treffend formuliert, tat mir binnem Kurzem der Halswirbel weh, mir tränten die Augen und ich widmete mich lieber dem Suchen naheliegenderer Objekte durch mein bewährtes Kameraauge. Welcher Mensch hat schon Adleraugen und kann im Bruchteil einer Sekunde erkennen, ob der 30 Meter entfernt im dichten Blattgestrüpp von Ast zu Ast hüpfende Piepmatz ein männlicher oder weiblicher Pale-yellow Robin ist? Und wer hat das Ohr, die Vogellaute zu identifizieren? Schon nach ein paar Minuten Observation gebe ich auf. Für dieses Hobby tauge ich nicht. Da helfen auch die aufmunternden Worte meiner Mitstreiter nicht, auch Grünschnäbel wie ich. Als gebürtige Australier haben sie im Gegensatz zu mir den grossen Vorteil, dass ihnen, wenn auch nicht die Objekte selber, so doch wenigstens deren Gattungs-Namen weitgehend geläufig sind. Dass finches Finken sind, und honeyeaters Nektarsauger, liegt nahe. Aber wie sortiere und speichere ich Bulbus, Warblers, Waxbills, Orioles, Shrikes, Fantails, Drongos in meinem Gedächtnis? In den letzten fünf Jahren habe ich mich mit Ach und Krach und sehr mühevoll durch das Namenslabyrinth von Bäumen, Büschen und Gartenpflanzen geackert und nun öffnet sich meinem leeren Hirn ein neues sehr weites Feld. Muss ich da jetzt auch noch eintauchen? Nein, zumindest nicht en detail. Aber mitmachen werde ich ab jetzt jeden dritten Sonntagmorgen im Monat. Erraten, ich komme mit, weil ich neugierig bin auf Plätze in der Natur, die ich zu entdecken sonst eher wenig Möglichkeiten habe. Als eingefleischte Hobbyfotografin finde ich auf diesen Trips sicher das eine oder andere Natur-Objekt - ein Blatt, ein Baum, eine Rinde und vielleicht, vielleicht auch einen Vogel, wie diesen winzigen Spotted Pardalote

oder diese Vöglein, ein paar hungrige Red browed finches (Firetails)

Diese kleinen farbenprächtigen Vögel sind wirklich niedlich und nett anzusehen, wenn man sie tatsächlich geortet hat. Doch ehrlich gesagt, ich hab es mehr mit den grossen Vögeln - die sieht man wenigstens. Womit ich bei meinem eigentlichen Thema wäre, nämlich den Kakadus.

Gemeint sind die Sulphur-crested Cockatoos. Wirklich hübsch anzusehen - schneeweiss mit einer schwefelgelben Haube auf dem Kopf. Eine Freundin hier hat so ein Exemplar als Haustier und ich kann aus eigener Erfahrung versichern, dass der Vogel besser als jeder Wachhund Fremde vom Platz verjagt. Während jeder andere Vogel irgendwelche Töne von sich gibt - laute, leise, wohlklingende, melodische, falsche - sind die Stimmbänder dieser Vogelart scheinbar in einer frühen Entwicklungsstufe steckengeblieben. Er kann nur eines, nämlich furchterregend laut Krächzen. Und nun stelle man sich vor, wie dieser ansonsten wirklich hübsche Vogel plötzlich zum Belästiger Nummer eins in unserem ach so friedlichen Valley wird, weil nicht nur einer auftaucht, sondern Hunderte! Schuld daran ist unser Nachbar, der seine reifen Maisfelder wegen des wochenlangen Regens im Sommer nicht hatte einbringen konnte. Nun hat er zu falscher Jahreszeit alle völlig trockenen und verschrumpelten Maispflanzen endlich geschnitten. Und das haben die schlauen Papageien spitz gekriegt. Sie fallen mit ohrenbetäubendem Lärm in Heerscharen in die Felder ein, verdauen ein paar Minuten in den umliegenden Bäumen dann gehts wieder runter auf den Boden. Diese Papageien sind nur still, wenn sie fressen. Und da die Felder in den letzten vierzehn Tagen so gut wie leergeputzt sein dürften, fliegen ständig Coockatoo-Schwärme hin und her, auf der Suche nach dem allerletzten Maiskörnchen. Momentan sind alle Bäume und Erdkrusten mit weissen Sprenkeln besetzt, von weitem könnte man denken, Verpackungskünstler Christo und Jean-Claude hätten hier ihre Hände im Spiel gehabt.

Hühner gehören ja auch zu den Vögeln. Meine drei machen im Moment ebenfalls Zicken, sie legen nämlich keine Eier, oder wenn doch mal eins ausgeworfen wird, zerdrückt das Huhn es sogleich mit ihrem Gewicht - die Schalen sind viel zu dünn. Eine Weile schau ich mir das noch an, aber wenn sich da nichts ändert, kriegt John die chucks zurück. Ich habe Agathe, Cäcilie und Belladonna schon ihr Schicksal prophezeit, noch zeigen sie sich davon aber unbeeindruckt.

Unbeeindruckt ist auch ein anderer ständiger Gast im Bananenhain, nämlich die froschmäulige Eule oder Tawny Frogmouth. Jeden Morgen bis zur Nacht sitzt sie im schützenden Blattwerk und lässt sich weder von Aktivitäten zu ihren Füssen, noch von Geräuschen verjagen. Sie hat Gene, die ihr sagen, dass sie dank ihres Tarnfederkleids für Feinde unsichtbar ist. Das mag für Bäume mit normaler Rinde ja durchaus zutreffen, hier vor grün-beige gesprenkelten Bananenstämmen ist sie sehr sichtbar. Na ja, ich bin ja auch kein Feind…

Zum Thema Vögel darf ein Foto von meinen Lieblingsvögeln, den grossen Yellow-tailed Black Cockatoos nicht fehlen. Sie tauchen oft an unserer Kuhtränke auf (unser Grundstück war früher Weideland), immer zu sechst oder sieben. Dabei sitzt der sogenannte watchbird in einer nahen Baumkrone und bewacht seine Kollegen beim Trinken. Im Flug, der gleitend und harmonisch ist - ganz im Gegensatz zu dem unkoordinierten Geflatter ihrer weissen Kreisch-Cousins - geben die schwarzen Papageien mit dem gelben Schwanztupfer Rufe von sich, die für mich wie Klagelaute aus einer längst vergessenen Zeit klingen, so geheimnisvoll, einfach ergreifend.

In meiner Beliebtheitsskala ebenfalls ganz oben rangiert der bei uns nur selten einkehrende und erheblich kleinere Eastern-Rosella, der hier unten gerade an Greviella-Blüten nascht.

In ein oder zwei Jahren, wenn die frisch gepflanzten Büsche und Bäume ums neue Haus Deckungsgrösse erreicht haben, dürften wir mehr Besuche von ganz vielen verschiedenen Vögeln bekommen. Dann kriegen die Blue-faced Honeyeater was gezwitschert von ihrer Konkurrenz.

Im Moment sind sie (Foto) und ihre Artverwandten, die Noisy Miner, die Herrscher über unseren Garten.

Ein paar Kilometer entfernt, an der Küste gibt es jede Menge Seevögel. Mit denen kenne ich mich (noch) nicht besonders gut aus. Aber einen kennt jeder, auch ich, nämlich den Pelikan. Er ist ein wunderbarer Segler und ein schlechter Fussgänger. Dieser hier setzt gerade zur Landung im Hafen von Coffs Harbour an. Ich winke ihm zum Abschied für heute…

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NGARUWANAJIRRI - The Keeping House

Mittwoch, 14. Mai 2008 22:29

Vorwort

Seitdem ich in Australien lebe, reizt es mich zunehmend, an Orte zu reisen, die abseits der üblichen Touristenrouten liegen. Auf einer solchen Tour im letzten Jahr erfuhr ich von Chris, unserem guide, dass seine Eltern auf Bathurst NT ein Kunstzentrum für behinderte Einheimische betreiben. Das machte mich neugierig und auf Nachfrage bekam ich die Chance zu einem fünftägigen Besuch. Qantas hatte gerade einen Special Sale für Flüge, das gab den Ausschlag, sofort nach Ende der Regenzeit in den Norden zu fliegen. Leider ist der Flughafen in Coffs Harbour nicht wichtig genug, und so musste ich zunächst nach Sydney in den Süden fliegen und von dort aus direkt nach Darwin NT (Northern Territory). Per Fähre gings dann in zwei Stunden nach Bathurst. Bathurst ist die kleinere der zwei ziemlich flachen Tiwi-Inseln in der Timorsee. Melville ist zwar grösser, aber so gut wie unbewohnt und nur mit einer Minifähre von Bathurst aus zu erreichen. Die Tiwis unterscheiden sich in einigen Punkten von den Festland Aboriginals. Sie kennen weder Didgeridoo noch Bumerang und konnten sich dank ihrer Abgeschiedenheit ihre Kultur und Bräuche länger erhalten. Den Bumerang zum Jagen brauchten sie nicht, denn auf den Inseln war und ist reichlich Nahrung vorhanden, die mit dem Speer erlegt wird. Heutzutage wird der Speiseplan obendrein durch eingeführte Arten wie Wildschwein und Büffel ergänzt. Teilweise bedient man sich auch hier inzwischen moderner Hilfsmittel wie Geländewagen und Gewehr. Ich hatte keinen Schimmer, was mich in Nguiu erwarten würde. Nur über Chris wusste ich, dass er passionierter Angler ist ohne selbst Fisch zu essen. Und dann ging’s los ins Abenteuer. Es folgen meine nur leicht modifizierten Tagebuchaufzeichnungen, stilistisch nicht immer einwandfrei, aber ich bin hier ja schliesslich nicht mehr im Dienst….

Zeitungsaufmacher: In Darwin fischte ein Angler einen Barramundi Fisch, den sich ein Krokodil schnappen wollte!

29. April 2008

Planmässiger Abflug 13.25. Rolf hat mich zum airport nach Coffs Harbour gefahren - in seinen Arbeitsklamotten. Baut zusammen mit Peter für Harry ein neues Deck. Das Flugzeug hat Verspätung, Rolf sagt Tschüss und nur ich denke, dass am Hamburger Flughafen alle Welt auf meinen farbbeklecksten Mann geschaut hätte. Das ist der Unterschied zwischen uns beiden: Rolf hat den australischen Way of Life voll drauf, während ich noch immer den Spagat zwischen beiden Kulturen pflege. aber dieser Trip jetzt nach Far North wird mich sicher ein Stück näher an meinen Gastkontinent führen. Bin mächtig aufgeregt. Aber bevor Rolf geht, kann ich mir nicht verkneifen, Rolf zu fragen, ob er denn tatsächlich in dieser Aufmachung auch zum Hamburger airport gekommen wäre - mit der Chance, dort seine Aufsichtsrats-Kollegen zu treffen. Antwort: Ja, heute würde ich das machen! Kleider machen Leute gilt nicht mehr, heute will ich nur noch ich selbst sein. Zitat Ende. Echt cool.

Ich friere, natürlich ist die aircon in der Abfertigungshalle voll aufgedreht. Draussen scheint die Sonne vom blauen Himmel, aber es ist heute der erste kalte Tag mit nur noch 11 Grad nachts. Mehr Passagiere trudeln ein. Hole mir einen Cappuchino und schlage meine Reiselektüre auf. Bruce Chatwin: Traumpfade. Eine Miniaturausgabe, praktisch für die Reise und wie sich herausstellt, passt der Inhalt wie die Faust aufs Auge.

40 grosse Passagiere und zwei kleine zählt die Stewardess in unserem Flieger. Die Zahl scheint mit dem frischen Passagierausdruck identisch zu sein, denn es geht los nach Sydney. Ich in der zweiten Reihe Gang, neben mir eine Blondine, etwas jünger als ich und im Kongress-Geschäft tätig, wie sich kurz vor dem Sinkflug rausstellt. Dazwischen erfahre ich ausserdem, dass sie und ihr Mann dabei sind, ihr Haus in den Blue Mountains gegen einen Bungalow in Boambee bei Coffs Harbour zu tauschen. Sie zeigt mir den Maklerprospekt, ich erkenne den Creek, da bin ich schon mit dem Kanu während einer Bird-Watching-Tour vorbeigepaddelt, und ich weiss auch, dass man drei Kurven weiter den Creek rauf ans Meer gelangt. Ich rate der Dame, den Deal zu machen.

Warum kriegt man im Flugzeug bloss immer kalte Füsse? Die Fusskälte ist schrecklich, wird aber nur von mir so empfunden. Wie sonst fallen den thongs tragenden barfüssigen locals ihre Füsse nicht ab? Weil sie hart im Nehmen sind. Ich nicht, zumindest was die Kälte betrifft. Und natürlich ist es in Terminal 3 Sydney auch höllisch kalt. Jetzt frieren nicht nur meine Füsse in ihren Wollsocken und Halbschuhen, auch die Hände zeigen blaue Verfärbunen an den Gelenken. Drei Stunden bis zum Abflug, wie viele Runden um die Shops und den Food-Court sind das? 17.10, die Sonne geht golden hinterm Tower unter, vorhin waren es draussen 17 Grad laut Pilotenaussage. In Darwin, wo ich hin will, sollen es doppelt so viele sein laut Internet. Gut so. Aber bis dahin trennen mich noch 3150 Kilometer Luftlinie und 4,5 Stunden Flugzeit. Noch immer in der Halle. Reichlich leere Sessel in den Wartebereichen, esse das Sandwich vom Flug eben, dazu eine Mandarine, die schmeckt noch nach dem Sonnenschein, den sie in meinem Garten mitgenommen hat.

Noch mehr als zwei Stunden bis zum Ablflug. Ich entschliesse mich zu einem frühen Dinner bei Hungry Jack. Doppelter Cheesburer und ein kleiner Becher Osaft zu 6,30 Dollar. Dafür hätte ich im Coffeeshop nebenan noch nicht mal ein Wrap bekommen. Manchmal sind die ungesunden Ketten ganz günstig, besonders auf australischen Flughäfen, wo (fast) alles unverschämt teuer ist. Die Sonne ist weg und der blaue Himmel verfärbt sich purpur-orange-azur-tiefblau. Ein Bild, so irreal wie ein Gemälde von Hockney.

Hier im business-gestylten Terminal 3 bin ich der einzige Tourist, der wie ein backpacker aussieht. Trotzdem starrt niemand mit neugierigen oder gar abwertenden Blicken auf meine olivgrüne mit roten Sprenkeln durchsetzte Aufmachung: 7/8 Hosen zum Abzippen, grobe Leinenjacke mit vielen Taschen, roter Schal und bunt-gestreifter Pulli. Der Riemen meiner Schultertasche drückt auf die Schulter und der Nacken schmerzt, Nikon D70S sei Dank.

Aber was quake ich, allein der Gedanke auf welche Weise anno Achtzehnhundert die ersten Eroberer von Sydney oder Adelaide aus ihre Trecks quer durch den Kontinent nach Norden angetreten haben. Da sage noch einer, Reisen ist anstrengend heutzutage. Noch eine Stunde bis zum Boarding an Gate 5. Gehe zum Buchladen, dort überrascht mich ein Titel von Wibke Bruhns: My fathers Country. Wibke kenne ich noch gut von ihrer Zeit beim Stern und die deutsche Ausgabe ihrer Aufarbeitung mit dem Dilemma eine Nazigrösse und Hitler-Attentäter als Vater gehabt zu haben, hat mir vor einiger Zeit mein deutscher Nachbar geliehen. Ich habe Zeit, über Inhalte nachzudenken. Noch ein Buch springt mir ins Auge von Khaled Hosseini: The Kite Runner. Ich erkenne es gleich, es hat das gleiche cover wie die deutsche Taschenbuchausgabe Drachenläufer, das Teil meiner letzten Buchbestellung aus Deutschland war. Sonst finde ich ausser Haruki Murakami und Bill Bryson keine mir bekannten Autoren. Ein Hinweis, dass die englischsprachige Literatur bei mir noch weitgehend keinen Einzug gehalten hat. Vielleicht ist Rolf ja zu Hause, werde ihn anrufen und ihm schöne Tage ohne mich wünschen. Ich kriege ihn dran und oh, da hat er aber Glück, denn Minuten zuvor sass er noch entspannend im heissen Sprudelbad. Sein karges Abendbrot: Eine Fischdose von Aldi. Aber er sagt, er ist glücklich und zufrieden. Schön. Die Telefonzelle ist neben einem kleinen Doghnut-Stand platziert. Preisliste: 1 Dutzend 16 Dollar, 2 Dutzend 20 Dollar. Einzeln werden die Dinger gar nicht verkauft. Erstaunlich, wie lang die Warteschlange davor ist, obwohl die Gebäckstücke wie uralte Berliner Krapfen mit Loch aussehen. Wundere mich doch, dass man auf sowas abfährt. Macht man mit solchen Kuchenpaketen hierzulande gar Eindruck bei Meetings, oder soll die daheimgebliebene Ehefrau nach einem dirty weekend solcherart getröstet werden? Keine Ahnung. Aber mir fällt plötzlich ein, dass ich mein aufblasbares Schlafhörnchen nicht mitgenommen habe und sehe neidisch auf etliche Passagiere, die ihre Bettkissen - Grösse 80 x 80 schon mal knuddeln. Noch 20 Minuten bis zum Boarding. Vielleicht hat Qantas ja auch Kissen in ihren Fliegern.

Mittwoch 30. April

Das richtige Abenteuergefühl kriege ich, als ich um Mitternacht vor der Jugendherberge ankomme und feststelle, dass die Tür abgeschlossen ist. Dabei hiess es in der Anmeldung doch: late arrivals ok. Bis dahin hatte alles so gut geklappt. Pünktliches Einchecken in die DC 737, Gangplatz, neben mir ein Raucher, der wie ich (Ex-Raucher) Kaugummi kaut und John le Carre liest. Komischerweise bin ich überhaupt nicht müde und brauche daher überhaupt kein Schlafhörnchenkissen. Aber erst über Alice Springs wird mein stinkender Nachbar gesprächig, sein markantes Gesicht kriegt plötzlich weiche Züge und er fragt mich doch tatsächlich, was man bloss fünf lange Tage auf Bathurst Island machen kann. Da sei doch überhaupt nichts los. Der Mann, obwohl Australier, hat keinen Schimmer, dass es gerade das ist, was mich reizt. Kurz vor der Landung gibt er mir noch den Tipp, dass am Terminal-Ausgang ein Stadtbus-Shuttle für Passagiere bereitsteht, 10 Dollaar die Fahrt. Fein, so nehme ich den statt des teuren Taxis zur Jugendherberge. Natürlich werden zuerst alle Hotelgäste ausgeladen, und nachdem auch ich ausgestiegen bin, stehe ich plötzlich ganz allein vor verschlossener Tür. Was nun? Es ist nach Mittrenacht und sehr warm. Ein seitliches Gittertor ist geöffnet, dadurch gelange ich in die Herberge. Oben unterhalten sich zwei Jungs. Ziemlich schweissgebadet steige ich die Treppen rauf, aber dort erfahre ich nur, dass das Office vor fünf Minuten geschlossen wurde. Panik! Welches ist mein gebuchter Raum, wie komme ich an den Schlüssel? Im Geist sehe ich mich zu Fuss die leeren Strassen nach einem Taxi suchen und einem Hotelbett. Und das nur für ein paar Stunden Aufenthalt, nein, das kann nicht sein. Und gerade, als ich mich von dannen machen will, kommt ein schlaksiges Mädchen im Minikleid auf mich zu. Ein Gast, aber von der Chefin instruiert. Sie hat den Schlüssel für die key-box, und fischt einen Umschlag mit meinem Namen und Zimmerschlüssel heraus. Wieder die Treppe rauf, den Gang entlang - unter uns leuchtet diffus der umzäunte kleine Swimmingpool - und dann die Überraschung, als sich die Tür zu meinem 4-bed-room öffnet: Alles leer, keiner da. Fix die warmen Klamotten ausgezogen, geduscht und ab in die untere Koje - frisches Bettzeug ist zum Glück bereitgestellt. Geschafft, denke ich, aber der Ventilator ist entschieden zu laut, auch mit Ohropax nervt das Geräusch. Es dauert geschlagene fünf Minuten, bis ich den Schalter gefunden habe. Muss an meinem Zustand liegen, denn der Raum ist absolut kahl. Um 5.30 rasselt der Wecker. Auschecken, Taxi bestellen und ab zur nahe gelegenen Cullen Bay, wo um punkt 7.30 die Fähre nach Bathurst Island ablegen soll. Ich bin natürlich viel zu früh dort, die Sonne fängt gerade erst an, den neuen Tag zu erhellen, aber drei Tiwi-Frauen sind auch Frühaufsteher. Wir kommen ins Gespräch und es stellt sich raus, dass sie meinen Gastgeber kennen. Na ja, viel Weisse leben ja auch nicht dort. Es ist nett, sie in ihrem Aboriginal-Englisch sprechen zu hören. Sie waren zum Einkaufen auf dem Festland. Schliesslich legt das Schiff mit mir und acht weiteren Passagieren ab. Nach einem Becher starken Pulverkaffee lege ich mich lang über vier Sitze, den Kopf auf der Tasche gepolstert - und schlafe ein.

Erst emsiges Tun mit dem Tauwerk und Rufe kurz vor der Landung wecken mich auf. Wie peinlich, hoffentlich habe ich nicht geschnarcht, denke ich noch. Ein kleines Boot legt bei und wir und unsere Habseligkeiten steigen um und werden am langen Steg ausgeladen. Ein schmaler Ponton aus blau angemalten Autoreifen. Ich sichte Chris und freue mich, ihn wiederzusehen.

Kurze Fahrt mit dem Landrover durch Nguiu, dem einzigen Ort auf der Insel. Alles da: Schule, Krankenhaus, Kirche, viele Häuser, viele Hunde, viel Abfall. Dann Chris home, das Ngaruwanajirri, oder Keeping House. Kurzer Rundgang durch die Gebäude, Rod Stewart-Berieselung über allem. Halle mit Steinwänden und hoher runder Kuppel, bemalt mit wunderschönen landestypischen Gemälden, überwältigend.

Darunter an Tischen die Künstler, malend und druckend. Auf Leinwand, Seide und Baumwolle. Chris Mutter Joy, hat wie eine gute Fee ihre Augen und helfenden Hände überall. John, der Vater mit dem langen Pferdeschwanz ist dabei genau so ausgeglichen und ruhig wie sie. Beide waren in ihren früheren Leben Kunsterzieher.

Die Farben werden selber hergestellt. Ocker (ochre) ist ursprünglich gelb und wird am Cape Fourcroy auf Bathurst gesammelt. Um rote Farbe zu bekommen, wird der Ocker auf Kohlenfeuer geröstet. Die weisse Farbe wird aus Ton gewonnen, die auch an dem Kliff vorkommt. Dann wird der Ocker zu Pulver gemahlen und kann mit Wasser gemischt aufgetragen werden. Bedeckt man die Farbtöpfe mit einer Wasserschicht, bleiben sie haltbar.

Am frühen Nachmittag koppelt Chris sein Tinny = Aluminumboot an den 4WD und gemeinsam mit seinem Vater John gehts runter zur Anlegestelle. Sechs grosse Köderkäfige sind mit an Bord, denn wir wollen Mudcrabs fangen. Die Meerenge zwischen den Inseln Bathurst und Melville ist fischreiches Gewässer, zu beiden Seiten erstrecken sich dichte Mangrovenwälder, die jetzt bei Hochwasser bis zum Blattansatz unter Wasser stehen.

Ein paar Mal biegen wir in Seitenarme ab und lassen die Drahtkörbe ins Wasser, Schwimmbojen hängen an Seilen in den Mangrovenzweigen. Man merkt, dass Chris und sein Vater ein eingespieltes Team sind, jeder Handgriff sitzt: aus der TK-Box den gefrorenen Fischköder in die obere Öffnung legen, mit Gummistrips verschliessen und dann über Bord werfen dauert nicht länger als eine Minute. Spätestens nach zehn Minuten weiss ich nicht mehr, wo wir sind, geschweige denn würde ich jemals die Köderstellen wiederfinden. Na ja, Chris lebt hier seit 17 Jahren, und ihm sind die Wasserwege trotz ihrer Gleichförmigkeit so vertraut wie mir die Stadtteile in Tokyo - so denke ich wenigstens. Das Meer ist jetzt kappelig, es spritzt, wir sehen Mullets, ein paar kleine Haifische und Aquariumfisch-Schwärme, von denen jeder einzelne Fisch in Geschäften für ein paar hundert Dollar verkauft werden könnte. Das Wasser ist glasklar. Zurück gehts, die Käfige wieder einsammeln. Aber nur in einem hat sich eine Krabbe verfangen.

John bespickt den Käfig mit neuem Köder und lässt ihn wieder runter. Ihn und die anderen fünf Käfige lassen wir dort. Bis zur nächsten Inspektion morgen sollten wir mehr Glück haben. Mal sehen.

Zurück an der einzigen Anlegestelle legt gerade die kleine Autofähre zum gegenüber liegenden Melville-Ufer ab. Chris fährt den Jeep nah an die Wasserkante und John kuppelt das Boot an den Hänger. Ab gehts zurück ins Keeping House.

Zum Dinner hat Joy Spaghetti Bolognese vorbereitet. Während des Essens erzählt sie von den Problemen mit der Lebensmittelbeschaffung hier an diesem abgelegenen Ort. Öfter mal bestellt sie Waren bei Coles oder Woolworths in Darwin, die dann mit der Fähre gebracht weren, doch leider fehlt meist die eine oder andere Zutat und das geplante Menü muss dann in eine Alternativmahlzeit umfunktioniert werden. Der einzige Allround-Laden in Nguiu führt zwar alles Wesentliche, aber nichts, was über den Standard hinausgeht und frisches Obst oder Gemüse kommt schon zerknittert dort an. Kein Eldorado für Liebhaber von variationsreicher oder internationaler Küche. Ergo ist es in meiner Gastfamilie denn auch ganz normal, eine einzelne Tomate in hauchdünne Scheibchen geschnitten zu teilen und sich zu freuen, wenn drei welkende Blättchen Rucolablättchen dazu gereicht werden. Mir, die in einem Gemüse- und Obst-Schlaraffenland lebt, tut so ein Verzicht mal ganz gut. Jetzt, beim Schreiben, denke ich mir, dass das Leben auf einer Hallig ähnlich sein könnte…

Donnerstag, 1. Mai

Ein kurzer Regenguss pladdert laut auf die Wellblechdächer. Aber schon nach zehn Minuten ist der Spuk vorbei und die Erde dampft. So ist es hier im Norden die ganze Regenzeit durch: Sehr warm und ständig heftige tropische Güsse und Gewitter. Die meisten Strassen und Wege stehen während der fast sechs Monate Wet-Season unter Wasser - die Einheimischen bleiben unter sich, denn Touris kommen nur während der Dry-Season. Begleite Chris zur Anlegestelle, wo die Transport-Barge aus Darwin angelegt hat und bestellte Waren jetzt ausgeladen werden. Es gibt da zwar auch eine sehr hübsch bemalte grosse Lagerhalle, aber es ist einfacher, die Waren einfach am Platz davor aufzustellen.

Schon sind die ersten Abholer da, ein paar Matratzen werden in Autos gepackt, Kisten, Körbe und auch jede Menge Baumaterial. Auf der Fahrt hierher mit dem Schiff sprach ich mit einen Weissen, der mir erzählte, dass er drei Wochen bleibt, um Häuser zu reparieren. Er hatte einen riesigen Sack aus Zeltplane dabei, darin befand sich sein ganzes Handwerkszeug. Mir wird bewusst, wie anders dies Leben hier doch ist, wo jeder Nagel und jeder Bleistift nicht selbstverständlich im Regal zu kaufen sind. Chris erzählt, dass manch bestelltes Gut dort tagelang auf Abholung wartet und auch schon mal ganz vergessen wird. Chris fährt sehr langsam, das fällt mir auf, obwohl es doch nur ein paar Autos und entsprechend so gut wie keinen Verkehr gibt. Aber die Kinder sind überall und deretwegen vor allem wird im Schritttempo gefahren. Überall grüsst Chris bekannte Gesichter. Bei nur 1200 Einwohnern kennt sich schliesslich jeder. Einen Weissen, dessen Autoaufkleber ihn als Mitglied des Tiwi-Councils ausweist, fragt Chris, warum er so komische Halbschuhe trägt und erfährt, dass ihm seine Thongs geklaut wurden und er nur dieses zweite Paar Schuhe besitzt. Alle paar Meter steigen Farbige durch die Heckklappe ins Auto ein und lassen sich ein Stück ihres Weges bringen. Nur sehr, sehr wenige Aboriginals besitzen ein Auto und so ist dieser kostenlose Lift eine nette Geste. Chris hält am General Store, der einzige Laden auf beiden Inseln ist in Gemeindebesitz. Davor geht es zu wie in allen Shopping Centern der Welt: Man trifft sich, man spricht, die Kinder kicken Bälle, die Hunde streunen. Am Geldautomaten hat sich eine lange Schlange gebildet. Drinnen gehe ich durch das Drehkreuz, und stapfe dabei durch zentimeterdicke Papierschnipsel. Sind das alles weggeworfene Kassenbons? Ich schlendere durch die Regale. Es herrscht kein Mangel, aber die Auswahl ist tatsächlich nicht gross und die Preise mindestens ein Drittel höher als auf dem Festland. Dann plötzlich ein wildes Geschrei und Gezanke. Ein Streit ist ausgebrochen und sofort wird die Eingangstür verriegelt. Bloss keine Panik jetzt. Aber binnen 30 Sekunden hat sich alles beruhigt und die Tür öffnet sich wieder. Ein bisschen wie im Zirkus.

Weiter gehts zur Tiwi-Art-Gallery. Während das Keeping House ein vom Staat unterstütztes Unternehmen ist, geht es hier mehr effizient zu. Joy klagte mir ihr Leid, dass die Besitzer dieser Gallerie häufig wechseln. Ein oder zwei Jahre, länger bleiben die meisten nicht. Dies ist natürlich immer schmerzlich, wenn man sich gerade gut angefreundet hat. Trotzdem bekommt hier jeder Künstler einen guten Anteil vom Verkauf, nämlich 50 Prozent. Hier finde ich ein Gemälde, das gut in unser Haus passt. Doch wo ist die Malerin? Denn das war ja der Grund, warum ich zum Bilderkauf den weiten Weg gemacht habe. Ich möchte etwas über das Bild und die Malerin erfahren und wenn möglich, auch mit ihr sprechen. Chris sagt, dass sie gerade ihr Mädchen vom Kinderhort abholt und gleich kommen wird.

Und da ist sie: Marie, die 30jährige Malerin mit ihrer Tochter, oben das von mir gekaufte Bild mit dem Titel Kurlama. Was Kurlama ist, erfahre ich wunderbarer Weise am nächsten Tag im Museum.

Weiter führt Chris mich auf unserer Stadtrundfahrt zu den so genannten Stoff-Frauen. In einer grossen Halle sind Arbeitstische mit Nähmaschinen aufgestellt, daran nähen und schneiden etwa acht ältere Frauen Kleidung.

Die Stimmung ist heiter, es wird viel gelacht. Kein Vergleich mit einer Kleiderfabrik, wie man sie manchmal auf Bildern aus China oder sonstwo sieht. Die Stoffe sind des günstigen Einkaufs wegen zwar fast alle aus China importiert, doch bedruckt werden sie hier vor Ort. Grafische Muster, Symbole, Ornamente, alles in klaren Farben mit Schwarz gehalten. Da lacht des Hobbyschneiders Herz und ich versinke sogleich in einem Karton voller Schnipsel. Die Farben sind kräftig und erinnern etwas an afrikanische Stoffe. Ich frage, ob ich die Reste kaufen könne, nein, die wären umsonst. Da ich aber lieber bezahle, suche ich mir noch ein paar mehr aus und drücke der freundlichen Farbigen 20 Dollar in die Hand. Die weisse Chefin sitzt derweil in ihrem gläsernen Büro und hat von alledem nichts mitgekriegt. Ich habe aber ein gutes Gefühl bei dem Deal, schliesslich hat Chris alles mitgekriegt und sein OK gegeben. Im angrenzenden kleinen Laden sehe ich mir die fertigen Stücke an. Es sind vor allem einfache Sommertops und lange Hosen mit Gummizug, so wie man Kleidung hier trägt. Dazu noch ein paar Jeans und Outdoor-Klamotten, die aber vom Festland stammen. Alle hauseigenen Kleidungsstücke tragen das Hauslabel, einen Frauenkopf in einem Spinnennetz. Joy hat mir vorhin erzählt, dass die einheimischen Frauen dieses Label nicht mögen, aber für meine westlichen Augen kommt es gut an. In punkto Mythen bin ich ja auch ein Greenhorn.

Zurück im Keeping House sind alle noch fleissig am Schnitzen, Drucken und Malen. Eine Weile schaue ich jedem bei der Arbeit zu, es irritiert sie nicht, wenn ich sie dabei fotografiere.

Jeden Mittag fährt Chris oder John die Leute nach Hause, nur die Schnitzer bleiben noch länger vor ihrer Werkstatt, wo sie ihre bemalten Endprodukte in der Sonne trocknen lassen.

Nach dem Lunch fahren Chris und ich im Tinny zu den ausgelegten Krabbenkörben. Aber zuerst werfen wir die Angeln aus. Chris hat sein Echolot eingeschaltet und eine Stelle gefunden, wo sogar ich einen Fisch an die Angel kriege. Beim ersten bin ich noch mächtig aufgeregt. Als Chris meinen hübschen gelb-organgen Fisch allerdings gleich zerschneidet, um ihn als Köder zu benutzen, bin ich erst wieder froh, als ich einen weiteren Burschen an die Angel kriege. Wir wechseln alle paar Minuten die Position, mal gehen wir auf 5, auf 20 und sogar 35 Meter Tiefe. Chris lässt den Anker runter, mein Job ist es, ihn wieder hochzuziehen. Morgen werde ich Muskelkater haben, denke ich.

Ein junger Haifisch, auch Gummy Shark genannt, oder Flake, wie er in den Geschäften angeboten wird, hängt an Chris Köder. Gelegenheit für mich, so ein Biest mal vom Nahem zu sehen und zu fotografieren. Dieser ist noch ein Baby, kann aber drei Meter gross werden. Ja, ist kein Badegewässer hier…. Dann lenken wir zu den Mangrovenufern und jetzt darf ich wieder helfen: Während Chris das Boot auf Position hält, greife ich zuerst nach der Styropor-Boje und ziehe dann den Drahtkäfig ins Boot. Nachdem wir alle sechs Käfige eingesammelt haben ziehen wir Bilanz: drei grosse Mudcrabs, ein toter Haifisch und ein dicker Cod. Das Dinner ist gesichert: Es gibt Crab-Curry mit Reis.

Freitag, 2. Mai

Imalu, der grosse Hund hat Liebeskummer, weil draussen im Busch seine läufige Dingofreundin wartet und er nicht zu ihr darf. Imalu hat etwa Kälbergrösse und bewegt sich mit dem Temperament einer Schnecke, gibt es einen Mastiff oder so was ähnliches? Gut, dass er schon sehr alt ist, so sieht er nur furchterregend aus. Der zweite Haushund ist ein fast reinrassiger Dingo, der gerade von einer Hundekeilerei zurück ist. Joy ist in tiefer Sorge, weil er zwei ziemlich grosse, tiefe Risse im Fell hat. Natürlich gibt es auf der Insel keinen Tierarzt, der die Wunden nähen könnte.

Nach dem Frühstück - Müsli mit Milch und Kaffee - werde ich von einem Minibus abgeholt. Chris hat mit dem Besitzer von Tiwi-Tours vereinbart, dass ich bis mittags deren Sightseeingtour mitmachen kann. Dafür fahren wir zuerst zum Airstrip, wo kurz darauf ein Miniflieger landet und acht Tagesgäste abliefert. Gemeinsam beginnt die Stadtrundfahrt; am Museum warten schon die zwei einheimischn guides auf ihre “Kunden”. Drinnen finde ich eine mehrseitige Tafel mit einer ausführlichen Beschreibung von “Kurlama” und erfahre, dass dies eine Zusammenkunft von Stämmen ist, die einmal jährlich als eine Art Erntedankfest gefeiert wird. Wobei die Yams Wurzel ebenso eine Rolle spielt wie das Vergeben von Namen für Jungen und Mädchen. In Laufe der letzten Jahrzehnte haben sich die Inhalte der Gesänge verändert, und zeitgemässe Gebrauchsgegenstände wie Eisenbahn, mobile Telefone und Plastikeimer haben auch in diese alte Tradition Einzug gehalten. Ein grosses Kanu ist ausgestellt - es wird darauf hingewiesen, dass die Aboriginals dieses Verkehrsmittel nicht erfunden haben. Frühe indonesische Seefahrer und Händler landeten in diesen Einbäumen an der Küste. Vor allem wegen der in China heissbegehrten Seegurken, mit denen schon lange vor der Besiedelung durch die Weissen Handel getrieben wurde. Ich sehe geschnitzte und bemalte Stehlen für die Toten, Federschmuck, Bastkörbe und einfachen Körperschmuck. Der nächste Raum hängt voller Schwarz-weiss-Fotos aus der jüngeren Geschichte. Hier werden haufenweise Heldentaten von katholischen Missionaren, Söldnern und Politikern gezeigt. Mein persönliches Verhältnis zur Kirche und ihren Missionaren im Gefolge der weissen Besiedelung ist gespalten. Ich weiss über Hermannsburg bei Alice Springs, dass die Farbigen manches Mal nur der tödlichen Verfolgung der Weissen Siedler und des Militärs entkamen, indem sie Unterschlupf bei den Missionaren erhielten. Andererseits finde ich es arrogrant und anmassend von der Kirche, den Eingeborenen, die dem Sinn nach weder unchristlich noch ungläubig sind, ihren angeblich einzigartigen Gott überzustülpen. Hier auf dieser friedlichen Tiwi-Insel hat es die Kirche scheinbar langsam kapiert und schickt keinen Priesternachwuchs mehr her. Nur Anne, eine längst pensionierte Schwester, wohnt noch neben der schönen Holzkirche und wird bleiben.

Dies Foto beeindruckt mich sehr, zumal, wenn ich mir vorstelle, wie das Leben dieser Nonnen im letzten Jahrhundert an diesem Ort gewesen sein mag.

Nächste Station ist das Headquarter von Tiwi-Tours, wo frisch gebackene Damper mit Marmelade, Butter und Tee aus dem Billy auf uns warten. Eine kleine Frauengruppe zeigt, wie man Körbe und Untersetzer aus Pandanus- oder Screw-Palmblättern flicht. Dann malen sich alle die Gesichter an und führen uns einen traditionellen Tanz vor. Natürlich komme ich mir blöd vor bei dieser Touristenvorführung. Aber dann sage ich mir, dass diese Menschen einen Job haben und sich etwas Geld zu ihrer Sozialhilfe dazuverdienen. Das kann doch nicht schlecht sein. Erwähnenswert noch: Die Tiwis benutzen kein Didgeridoo, sondern nur kurze dicke Hölzer, mit denen sie Takt und Gesang unterstreichen.

Etwas abseits sehe ich zwei Cabins und jemand erzählt, dass Tiwi-Tours diese als einziges Unternehmen auf der Insel vermietet. Aha, denke ich, darum hat mich die Ticketverkäuferin an der Fähre gefragt, ob ich auch eine Unterkunft gebucht hätte. Wann wohl zuletzt ein Urlauber hier gelandet ist?

Weiter gehts im Bus die kurze Hauptstrasse lang. Dort ist die Jungsschule und dort werden die Mädchen unterrichtet. Bis zur vierten Klasse wird nur Tiwi gesprochen, dann kommt auch Englisch dazu. Und das ist der Haken. Viele Schüler schaffen es so spät nicht, ausreichende Englischkenntnisse zu erwerben. Denn leider gehen die Kinder nicht oft und auch nicht viele Jahre zur Schule, obwohl der guide versichert, dass Schulpflicht besteht. Aber Chris erzählt mir später, dies ist ein Wunschdenken, leider. So erlangen nur ganz wenige Jugendliche einen Highschool-Abschluss oder schaffen es gar bis nach Darwin auf die Universität. Die meisten Eltern sind gefangen zwischen ihrem alten traditionellen Leben und den modernen Anforderungen. Da alle genug Unterstützung zum Leben bekommen fällt ein Umdenken schwer.

Als die kleine Reisegruppe am “Keeping Haus” landet, bleibe ich wie verabredet gleich da. Mit Freude bemerke ich, wie die Frau aus Adelaide einen Grosseinkauf im Gallerieshop tätigt und auch die anderen Gäste lassen sich zum Kauf des einen oder anderen Kunstwerks verleiten. Später am Küchentisch kriege ich mit, wie Joy gewissenhaft die Buchhaltung mit den Tageseinnahmen schreibt. Es ist heiss geworden und nach einem kleinen Schläfchen fahren Chris, Joy und ich zum Maralumpi Waterhole, wo man ohne Krokodile baden kann. Die Fahrt geht am Flughafen-Airstrip vorbei, dann an einer grossen grünen Grasfläche mit Fähnchen. Ist das ewa ein Golfplatz? Ist es. Der reinste Witz, denn niemand auf der Insel spielt Golf, und noch nie ist ein Besucher mit Golfausrüstung hier gelandet. Aber gepflegt wird der Rasen, jetzt, kurz nach der Regenzeit sieht er noch nach Gras aus, aber in drei Wochen und ab dann bis zur nächsten Saison wird alles gelb und vertrocknet aussehen. Wer sich dieses Projekt wohl ausgedacht hat? Wahrscheinlich die selbe Person, die die Mangofarm ein Stückchen weiter ins Leben gerufen hat. Hübsch stehen sie da, ein paar hundert Mangobäume. Und was dann, frage ich Chris. Ja, als es zur Ernte kam und zum Verschiffen aufs Festland, musste man feststellen, dass dort ebenfalls geerntet wurde, deren Verkaufspreise aber erheblich niedriger waren. So wurde man die köstlichen Tiwi-Mangos nicht los und hat seitdem auch keinen weiteren Versuch gestartet.

Der Asphalt endet hier und dirt road beginnt. Zuerst Wellblechpiste, dann ist die Fahrbahn total zerfurcht von der Regenzeit. Tiefe Löcher, breite Rinnen, ein Bachbett läuft quer rüber, aber der gute 4WD schafft alles. Links und rechts lichter Wald mit kurzem Unterholz, das aber bald abgebrannt wird. Ein Jahrtausende alter Brauch zur Erhaltung der Flora und zum besseren Jagen.

Das Wasserloch ist ein zauberhafter kleiner See, durch glasklares Wasser kann man in Ufernähe bis zum moorbrauen Grund schauen. Hohe Paperbark-Bäume spiegeln sich und Libellen sausen nervös umher. Ein mystischer Platz, zu schön, um darin zu planschen. Und ausserdem, wer weiss, ob sich nicht ein unerfahrenes Salzwasserkrokodil verirrt hat und in diesem Süsswasser gelandet ist? Wir fahren noch ein Stück bis zum Strand. Nur ein kurzer Blick über die Dünen, wo die Sonne sich anschickt unterzugehen. Leider nicht rot.

Samstag, 3. Mai

Chris fragt, ob ich ihn heute morgen wieder zum Angeln begleiten möchte. Klar, will ich, zumal Wochenende ist und die Künstler in Ngaruwanajirri frei haben. Diesmal lerne ich wichtige Angelregeln. Zum einen das Casting, wobei man die Leine ohne Köder aber mit lure (Blinker) weit von sich schleudert und mit viel Zartgefühl wieder aufrollt. Dann gibt es das Casting mit Köder, wobei der Köder eine Weile am Grund gezogen werden muss. Dritte Möglichkeit: die Leine mit Blinker einfach gerade runter gelassen. Was mir das Liebste ist, denn meine Leine entfernt sich trotz schwunghaften Ausholens nie weiter als drei Meter vom Boot. Aber man darf die Methoden nicht einfach wechseln, auf den Standort kommt es an. Wir sind jetzt nah an den Mangrovenwurzeln, Chris hat einen dicken Barramundi gesichtet.

Doch leider, leider verheddert sich sein Haken in einem Ast. Und bevor dies Malheur behoben ist, hat sich der König der Fische davon gemacht. Sei ihm gegönnt. Statt dessen schwimmt ein kleines Saltie vorbei. Nur gut, dass der Barra über alle Berge ist, sonst wäre uns womoglich das gleiche passiert, wie dem Angler ganz oben auf dem ersten Foto in der Zeitung! Die Kühltruhe im Boot ist schon ziemlich voll, wir beide zusammen haben mehr aus dem Wasser gezogen, als wir brauchen.

Darum verschenkt Chris nachher - so wie er es immer tut - viele Fische an andere Familien. Mir gefällt diese Bootstour sehr, ich geniesse die laue Luft, die Spiegelungen und Lichtspiele der Mangroven im Wasser, Vogelgeschrei hin und wieder, hellblauer Himmel mit langgezogenen Wolkenschlieren, ein perfektes Bild des Friedens.

Zurückgekehrt macht Chris sich gleich ans Filettieren der Fische. Es gibt wie jeden Abend als Vorspeise Sashimi, ganz original japanisch mit scharfer Wasabipaste und Sojasausse. So guten frischen Fisch kriege ich nirgendwo sonst zu essen. Köstlich!

Sonntag, 4. Mai

Mein letzter Tag beginnt mit einer Jeepfahrt zum Strand. Wieder der selbe Weg durch den Ort am Airstrip vorbei und durch den hübschen Wald wo ich jetzt auch viele Cycads (Palmfarn, Ordnung: Koniferen) erspähe. To whom it may concern: Palmfarne gelten als lebende Fossilien, da sie das Bindeglied zwischen den Nacktsamern, z.B. Fichte, und den Bedecktsamern, z. B. Rotbuche, darstellen. Sie sind ein Relikt aus der Godwana-Zeit, als Australien noch kein abgetrennter Kontinent war. Auf dem Foto ist eine zweistämmige Cycad zu sehen, was nicht so oft vorkommt.

Hinter den Dünen ist das ablaufende Ebbewasser zu sehen, aus einem Creek fliesst es schnell ins Meer. Viele Stellen sind mit Steinen bedeckt. Auf diese Flächen hat es Joy abgesehen. Ihr geübtes Auge erspäht zwischen den vielen Steinen immer wieder Fossilien, auf die sie es abgesehen hat. Im Nu ist ihr Rucksack voll. Ein paar kriege ich ab, als Souvenier. Es ist ein schöner Ort hier.

Hinter der Biegung liegt ein Steilhang mit Ocker-Vorkommen. Da holen sie immer ihren Nachschub für die Gallerie, erklärt mir Joy. Meine Füsse patschen durch Schlamm, wie ich ihn von der Nordsee bei Cuxhaven kenne, nur dass er hier rot ist. Ein Stück weiter ist weisser weicher Sand, wenige Muscheln nur. Dann der Creek mit vielen scharfen kaputten Muschel- und Schneckenresten. Da muss es passiert sein, dass ich mir Schnitte an den Fusssohlen geholt habe. Erst viel später auf dem Rückflug bemerke ich es. Bin ich schon so hart im Nehmen wie die Eingeborenen? Die Zeit wird knapp, wir fahren zurück und schon bin ich reisefertig. John ist nicht mehr da, er musste bereits vor ein paar Tagen nach Darwin. Jetzt warte ich mit Joy und Chris am Flughafen. Pünktlich landet das kleine Flugzeug, das mich zurück nach Darwin bringt - die Fähre ist sonntags ausser Betrieb. In einem Container wird eingecheckt. Alles und jeder wird gewogen. Bei diesem Miniflugzeug und zwei doppeltdicken männlichen (weissen) Passieren ist das ja auch wohl nötig, denke ich. Ein junges Mädchen steht an der kurzen Trittleiter an der Flugzeugtür und erklärt allen die Sicherheitsvorkehrungen. Die beiden Dicken sollen vorne sitzen. Dahinter eine hektische Mutter und ihre reizendes gelocktes Kind mit grossen Kulleraugen.

Ich setze mich dahinter, neben den Vater. Hinter uns ist Stauraum, der leer bleibt. Zu meinem Erstauen begibt sich das junge Mädchen jetzt ins Cockpit und setzt sich die Hörer auf, es ist die Pilotin! Draussen winken Joy und Chris ein letztes Mal. Mir fiel der Abschied wirklich schwer und ich glaube, auch Joy hat sich über meinen Besuch sehr gefreut. Wir haben festgestellt, dass wir viele Interessen teilen. Ich bin ziemlich sicher, dass ich bald einmal wiederkomme. Diesmal nicht als Fremde, sondern als Freundin.

Doch zunächst geht es zurück in die sogenannte Zivilisation. In Darwin habe ich bis weit nach Mitternacht Aufenthalt, den ich zum Besuch des berühmten Mindi-Marktes am Strand nutze. Die Tochter einer Freundin aus Bellingen wohnt in Darwin und hilft mir, den Zwangsaufenthalt zu überbrücken. Wie jeden Donnerstag und Sonntag finden sich Hunderte ein, um den Sonnenuntergang am Strand zu erleben. Da ich an der Ostküste wohne, ist dies auch für mich eine Besonderheit über die ich mich jetzt freue

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Auf nach Norden!

Dienstag, 29. April 2008 11:31

Gleich geht’s los, ganz in den Norden von Australien. In 45 Minuten fährt Rolf mich zum Flughafen, von Coffs Harbour gehts über Sydney nach Darwin. Einen Direktflug gibt es nicht, so lande ich heute Nacht in der tropischen Hauptstadt und weiter geht’s in der Frühe um sieben mit der Fähre zur Bathurst Island. Diese und ihre Schwesterinsel Melville werden auch Tiwi Islands genannt, weil die Eingeborenen dort so heissen. Es ist Aboriginal Land und nur mit besonderer Genehmigung darf man kommen. Aber mich erwartet an der Fähre Chris. Seine Eltern betreiben auf Bathurst in einem Ort namens Ngui ein Kunstzentrum für behinderte Einheimische. Dort - oder in einer der anderen beiden Kunstgallerien auf den Inseln - werde ich versuchen in Kontakt mit den Malern zu kommen in der Absicht, ein passendes Gemälde für unser Wohnzimmer zu finden. Natürlich könnte ich auch in einer x-beliebigen Gallerie hier in der Nähe ein schönes Bild kaufen, aber ich stelle mir vor, auf diese etwas abenteuerliche Weise, einen besseren Zugang zur Entstehung und Bedeutung des Bildes zu erhalten. Indes der eigentliche Grund, der über diesem Unternehmen schwebt, ist natürlich, dass ich wieder einmal gorsse Sehnsucht nach dem Outback habe. Oh, ich muss mich sputen, muss mit Rolf noch einen Rundgang durch Küche und Garten machen, damit er auch weiss, worauf er zu achten hat, und weiss, wo in den Regalen alles zu finden ist. Komme in einer Woche zurück mit vielen Fotos und Eindrücken, die ich gerne an dieser Stelle weitergebe. Machts gut, cheers Ute.

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Anzac Day ist Totensonntag

Freitag, 25. April 2008 21:58

Heute gedenken die Australier ihren Kriegsopfern aus den beiden Weltkriegen. Das gleicht einer gigantischen Soldaten-Verherrlichung, so wie ich es in Deutschland nie erlebt habe. Na ja, Deutschland hat die Kriege ja auch verloren. Zeitungen, Fernsehen, die Straßen sind voll von Berichten über die Heldentaten der Heroen, wobei letztere inzwischen als gar gebrechliche und mit vielen Orden am Revers verzierte Veteranen die vielen Paraden anführen. Letztes Jahr kriegten die Fernsehkameras noch einen oder zwei Ex-Soldiers aus WWI vor die Kamera, aber so weit ich das Spektaktel heute verfolgt habe, waren diesmal nur welche aus WWII dabei. Es passte zum Anlass, dass das Wetter heute durchweg wolkenverhangen und sehr regnerisch war, ein Gefühl wie Totensonntag damals in Hamburg.

Und so hatten wir heute statt Panoramablick eine verkürzte Sicht ohne Berge

Mittags war ich mit Wendy verabredet. Sie und ihr Mann Colin haben vor über zwanzig Jahren ihr Haus selber gebaut und über die Zeit verändert und vergrössert. Aber am Bewunderswertesten ist, dass sie erst mal einen 1,5 km langen Fahrweg von der Strasse durch den Wald schlagen mussten…

… den ich hier aus dem Auto heraus fotografiert habe.

Ein phantastisches Blättergewirr mit Regenwaldbäumen, Farnen, Palmen und Casuarinas (She-Oaks). Trotzdem wäre es mir zum Leben hier draussen zu einsam, auch wenn verstreut Nachbarn anzutreffen sind, wie diese Briefkästen am Weg verraten

Wendy habe ich im ersten Jahr hier kennengelernt, als ich noch regelmässig ihre Englisch-Klasse besuchte. Damals hatte ich noch kein eigenes Haus und Grundstück, also mehr Zeit. Geblieben ist aber eine gute Freundschaft. Wendys Hobby ist das Mosaik, sie schafft die herrlichsten Kunstwerke aus Glas und Scherben. Gerade hat sie in Cooperation mit ihrem Mann Colin, dem Hobby-Schweisser, ein schönes Werk geschaffen: Sie eine Mosaik-Weltkugel und er zwei eiserne Hände zum Tragen derselben. Sonntag beginnt eine Mosaik-Ausstellung in unserer Gallerie und bis dahin müssen die Teile noch zusammen montiert werden.

Falls sich jemand für Mosaik interessiert: ich habe Wendys Photopräsentation bei Flickr unter Links (rechte Spalte) eingefügt.

Auf dem Rückweg fand ich einen Guavenbusch am Weg, von dem ich ein paar Früchte stibitzte, für einen exotischen Fruchtsalat heute abend. Im Moment sind nämlich auch die verrückten Früchte der Monstera Deliciosa (Fensterblatt, habe in der Montage den Namen falsch geschrieben!) überall im Park oder in Gärten reif. (Meine Pflanze hier ist noch zu klein für Früchte, leider). Aber ich weiss, wo sie in Bellingen gedeihen. Sie sehen so aus

Man isst das weiche, weisse Fruchtfleisch, das unter den sich mit zunehmender Reife leicht zu pellenden fünfeckigen Plättchen befindet. Schmeckt wunderbar süß und nach Vanille. Die Äpfel und blauen Pflaumen als weitere Zutaten für den Obstsalat werden aus dem kühlen Süden importiert, denn Steinobst gedeiht hier nicht.

Und noch was fiel mir auf dem Rückweg vor die Linse, nämlich ein schon herbstlich gefärbter Ahornbaum. Er mutet als (eingeführte und daher laubabwerfende Spezies) etwas exotisch an zwischen den immergrünen australischen Pflanzen. Mich erinnern sie im Moment tatsächlich an Totensonntag!

So, mit diesem kleinen Tagesbericht nebst Bildern verabschiede ich mich für heute. Ich würde mich freuen, wenn ihr mal wieder auf meine Seite schaut und auch ein feedback schreibt. Dazu klickt ganz einfach auf das Wort Kommentar ganz am Textende. Danke fürs Ansehen, cheers Ute.

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Gehversuche

Donnerstag, 24. April 2008 20:34

Auffahrt - wird noch entschärft

Blick West, Süd-Ost

Wie geht und fühlt sich ein Kleinkind, das anfängt Laufen zu lernen? Wackelig und unsicher, das ist gewiss und genauso gewiss ist, dass ich mich jetzt wie ein Kleinkind fühle, mit dem Unterschied, dass dies hier meine ersten Gehversuche auf meiner eigenen Website sind. Das Programm soll sehr benutzerfreundlich sein, ist es wohl auch. Fragt sich nur, ob ich als Benutzer von dieser Freundlichkeit auch profitieren werde. Denn zunächst bin ich erstmal verwirrt von allen Möglichkeiten dieser Seite - da gibt es viele Worte, die ich mich sicherheitshalber zunächst gar nicht traue, anzuklicken. Und diese Sprache, Himmel auch - was bedeutet Permalink, Plugins, Kategorien, Trackbacks, RSS, Meta, Bilddatei URL und so weiter. Meine liebe Freundin Renate vom Ammersee, die gestern den ganzen Tag für mich tätig war und mir zuletzt in einer einstündigen telefonischen Schulstunde sehr geduldig das Nötigste erklärt hat, wartet sicher schon gespannt, was ihre Schülerin gelernt hat. Weil wir zunächst das Herunterladen von Fotos geübt haben, will ich damit auch hier anfangen. Hier folgen jetzt ein paar Bilder von unserem Haus, das wir seit Anfang des Jahres glücklich bewohnen.

In der Osthälfte wohne ich

Eingang Süd - mit Carport

Die grosse Terrasse mit dem herrlichen Ausblick nach Norden zu den Bergen

So, das ist für den Beginn meiner Website-Ära alles von hier aus Down Under. Wer möchte kann mir einen Kommentar senden oder sich noch mehr Fotos ansehen bei Flickr. Aber diesen Link (Weiterleitung) werde ich jetzt versuchen, auch auf dieser Seite unterzubringen, irgendwo rechts glaube ich. Fortsetzung folgt gewiss, take care, Ute.

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