Nicht meine Leidenschaft

Twitchers birdy-neardy Syndrome…man kann auch sagen: Wenn der Drang, Vögel zu beobachten manische Züge annimmt und die Leidenschaft beginnt weh zu tun. Gemeint sind Menschen, die das Hobby sehr, sehr ernst nehmen und Listen über ihre Vogelbegegnungen führen. Soweit ist es bei mir zum Glück nicht und wird wohl auch nicht kommen. Dass es überhaupt Vogelbeobachter gibt, die mit ungezügeltem Enthusiasmus auf Vogelpirsch gehen, ganz so, wie man es sonst eher von Briefmarkensammlern kennt, war mir bis vor kurzen nicht bewusst. Obwohl mit ihrem Habitat durchaus vertraut und auch engagiert, habe ich mir bis dato keine Gedanken darüber gemacht, was es heisst, ein “Birder” zu sein. Zu flüchtig ist die Erinnerung an ihr Auftreten von vielen Jahren am Eingang einer geschützen Schlucht am Cap Formentor auf Mallorca. Da standen frühmorgens ein paar von ihnen, fünf oder sechs Gestalten in Tarnfarben nebst Käppi, ein jeder sich anklammernd an Stative auf die abwechselnd Ferngläser und Fotoapparate geschraubt wurden – beide mit höchstmöglichem Zoom, versteht sich. Erst jetzt dämmert es mir: das waren Vogelbeobachter! Und weil mir damals schon höchst suspekt war, was denn da in den Büschen zu sehen wäre, ging ich auch in Bellingen zu meinem ersten Birders-Outing mit Skepsis im Kopf, einem kleinen Fernglas und grosser Kamera am Bauch. Und wurde nicht enttäuscht. Wie im A bis Z of birding die Titelgeschichte der neuesten Ausgabe vom Australian Geographic sehr treffend formuliert, tat mir binnem Kurzem der Halswirbel weh, mir tränten die Augen und ich widmete mich lieber dem Suchen naheliegenderer Objekte durch mein bewährtes Kameraauge. Welcher Mensch hat schon Adleraugen und kann im Bruchteil einer Sekunde erkennen, ob der 30 Meter entfernt im dichten Blattgestrüpp von Ast zu Ast hüpfende Piepmatz ein männlicher oder

weiblicher Pale-yellow Robin ist? Und wer hat das Ohr, die Vogellaute zu identifizieren? Schon nach ein paar Minuten Observation gebe ich auf. Für dieses Hobby tauge ich nicht. Da helfen auch die aufmunternden Worte meiner Mitstreiter nicht, auch Grünschnäbel wie ich. Als gebürtige Australier haben sie im Gegensatz zu mir den grossen Vorteil, dass ihnen, wenn auch nicht die Objekte selber, so doch wenigstens deren Gattungs-Namen weitgehend geläufig sind. Dass finches Finken sind, und honeyeaters Nektarsauger, liegt nahe. Aber wie sortiere und speichere ich Bulbus, Warblers, Waxbills, Orioles, Shrikes, Fantails, Drongos in meinem Gedächtnis? In den letzten fünf Jahren habe ich mich mit Ach und Krach und sehr mühevoll durch das Namenslabyrinth von Bäumen, Büschen und Gartenpflanzen geackert und nun öffnet sich meinem leeren Hirn ein neues sehr weites Feld. Muss ich da jetzt auch noch eintauchen? Nein, zumindest nicht en detail. Aber mitmachen werde ich ab jetzt jeden dritten Sonntagmorgen im Monat. Erraten, ich komme mit, weil ich neugierig bin auf Plätze in der Natur, die ich zu entdecken sonst eher wenig Möglichkeiten habe. Als eingefleischte Hobbyfotografin finde ich auf diesen Trips sicher das eine oder andere Natur-Objekt – ein Blatt, ein Baum, eine Rinde und vielleicht, vielleicht auch einen Vogel, wie diesen winzigen Spotted Pardalote
spotted-pardalote
oder diese Vöglein, ein paar hungrige Red browed finches

firetails

Diese kleinen farbenprächtigen Vögel sind wirklich niedlich und nett anzusehen, wenn man sie tatsächlich geortet hat. Doch ehrlich gesagt, ich hab es mehr mit den grossen Vögeln – die sieht man wenigstens. Womit ich bei meinem eigentlichen Thema wäre, nämlich den Kakadus.

weiser-kakadu

Gemeint sind die Sulphur-crested Cockatoos. Wirklich hübsch anzusehen – schneeweiss mit einer schwefelgelben Haube auf dem Kopf. Eine Freundin hier hat so ein Exemplar als Haustier und ich kann aus eigener Erfahrung versichern, dass der Vogel besser als jeder Wachhund Fremde vom Platz verjagt. Während jeder andere Vogel irgendwelche Töne von sich gibt – laute, leise, wohlklingende, melodische, falsche – sind die Stimmbänder dieser Vogelart scheinbar in einer frühen Entwicklungsstufe steckengeblieben. Er kann nur eines, nämlich furchterregend laut Krächzen. Und nun stelle man sich vor, wie dieser ansonsten wirklich hübsche Vogel plötzlich zum Belästiger Nummer eins in unserem ach so friedlichen Valley wird, weil nicht nur einer auftaucht, sondern Hunderte! Schuld daran ist unser Nachbar, der seine reifen Maisfelder wegen des wochenlangen Regens im Sommer nicht hatte einbringen konnte. Nun hat er zu falscher Jahreszeit alle völlig trockenen und verschrumpelten Maispflanzen endlich geschnitten. Und das haben die schlauen Papageien spitz gekriegt. Sie fallen mit ohrenbetäubendem Lärm in Heerscharen in die Felder ein, verdauen ein paar Minuten in den umliegenden Bäumen dann gehts wieder runter auf den Boden. Diese Papageien sind nur still, wenn sie fressen. Und da die Felder in den letzten vierzehn Tagen so gut wie leergeputzt sein dürften, fliegen ständig Coockatoo-Schwärme hin und her, auf der Suche nach dem allerletzten Maiskörnchen. Momentan sind alle Bäume und Erdkrusten mit weissen Sprenkeln besetzt, von weitem könnte man denken, Verpackungskünstler Christo und Jean-Claude hätten hier ihre Hände im Spiel gehabt.

kakadus-feld-ubaum

Hühner gehören ja auch zu den Vögeln. Meine drei machen im Moment ebenfalls Zicken, sie legen nämlich keine Eier, oder wenn doch mal eins ausgeworfen wird, zerdrückt das Huhn es sogleich mit ihrem Gewicht – die Schalen sind viel zu dünn. Eine Weile schau ich mir das noch an, aber wenn sich da nichts ändert, kriegt John die chucks zurück. Ich habe Agathe, Cäcilie und Belladonna schon ihr Schicksal prophezeit, noch zeigen sie sich davon aber unbeeindruckt.

 

Unbeeindruckt ist auch ein anderer ständiger Gast im Bananenhain, nämlich die froschmäulige Eule oder Tawny Frogmouth. Jeden Morgen bis zur Nacht sitzt sie im schützenden Blattwerk und lässt sich weder von Aktivitäten zu ihren Füssen, noch von Geräuschen verjagen. Sie hat Gene, die ihr sagen, dass sie dank ihres Tarnfederkleids für Feinde unsichtbar ist. Das mag für Bäume mit normaler Rinde ja durchaus zutreffen, hier vor grün-beige gesprenkelten Bananenstämmen ist sie sehr sichtbar. Na ja, ich bin ja auch kein Feind…

thorny-frogmouth-owl-1

Zum Thema Vögel darf ein Foto von meinen Lieblingsvögeln, den grossen Yellow-tailed Black Cockatoos nicht fehlen. Sie tauchen oft an unserer Kuhtränke auf (unser Grundstück war früher Weideland), immer zu sechst oder sieben. Dabei sitzt der sogenannte watchbird in einer nahen Baumkrone und bewacht seine Kollegen beim Trinken. Im Flug, der gleitend und harmonisch ist – ganz im Gegensatz zu dem unkoordinierten Geflatter ihrer weissen Kreisch-Cousins – geben die schwarzen Papageien mit dem gelben Schwanztupfer Rufe von sich, die für mich wie Klagelaute aus einer längst vergessenen Zeit klingen, so geheimnisvoll, einfach ergreifend.

yellow-wedgetailed-black-cockatoos

In meiner Beliebtheitsskala ebenfalls ganz oben rangiert der bei uns nur selten einkehrende und erheblich kleinere Eastern-Rosella, der hier unten gerade an Greviella-Blüten nascht.

eastern-rosella

In ein oder zwei Jahren, wenn die frisch gepflanzten Büsche und Bäume ums neue Haus Deckungsgrösse erreicht haben, dürften wir mehr Besuche von ganz vielen verschiedenen Vögeln bekommen. Dann kriegen die Blue-faced Honeyeater was gezwitschert von ihrer Konkurrenz.

ble-faced-honeyeater-1

Im Moment sind sie (Foto) und ihre Artverwandten, die Noisy Miner, die Herrscher über unseren Garten.

 

Ein paar Kilometer entfernt, an der Küste gibt es jede Menge Seevögel. Mit denen kenne ich mich (noch) nicht besonders gut aus. Aber einen kennt jeder, auch ich, nämlich den Pelikan. Er ist ein wunderbarer Segler und ein schlechter Fussgänger. Dieser hier setzt gerade zur Landung im Hafen von Coffs Harbour an. Ich winke ihm zum Abschied für heute…

australian-pelican

2 Kommentare Schreibe einen Kommentar

Schreibe einen Kommentar