Happy alternative – glücklich

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Es ergab sich auf einem meiner vielen Erkundungstrips in die nähere Umgebung meiner neuen Heimat, dass ich auf geheimnisvollem, fast schon verbotenem Terrain landete, nämlich in einer Kommune mitten im Wald. Bundagen heisst der Ort, versteckt im Wald gelegen zwischen Strand und Highway auf halben Weg zur nächsten Stadt Coffs Harbour. Muss doch zu finden sein, dachte ich mir. Ich war noch neu hier und fing gerade an, mich vertraut zu machen. Schon mehrmals hörte ich das Wort Bundagen, aber was das ist, was dort zu sehen ist, wie die Menschen dort leben, all das blieb zunächst im Dunkeln. Also machte ich mich selber auf den Weg und schaffte es irgendwie auch ohne Hinweisschilder den richtigen Waldpfad zu erwischen und fand mich vor einem Tor nebst riesiger überdachter Bekanntmachungstafel ein. Einlass nur für Mitglieder – wie denn das? Mir wurde gesagt, dass jeden Dienstag Eintritt für Jedermann ist, wenn der kleine Ökomarkt stattfindet und vegetarischer Lunch angeboten wird. Heute war Dienstag und ich fuhr weiter bis zu einer grossen Wiese, wo allerhand buntes Völkchen beisammen sass

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Theke vom Lebensmittelgeschäft

 

Um das runde Gemeinschaftshaus, auf den Terrassen davor, im Gras sitzend und bei den Verkaufsstellen, alternatives Flair, bunte Walla-Röcke, strubbeliges Haar, Lagen-Look, nackte Füsse und Stiefel, über allem ein leichter Geruch nach Räucherstäbchen. Hier kommt also das wunderbare “Rustic Wheat”-Brot her, das in der Gegend reissend weg geht – im Holzofen gebacken mit echtem Sauerteig, für mich brotverwöhnte Deutsche das einzig akzeptable Brot (bis ich lernte, mein eigenes zu machen). Aber wo ist die Bäckerei? Später lerne ich, dass die gar nicht hier ist.

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Schlangestehen am Brotstand für Rustic Wheat und echtes Vollkornschwarzbrot

Na, ich war sehr schüchtern bei diesem ersten Rundgang durch eine echte Kommune. Mein Wissen darüber war gleich Null und ich staunte nicht schlecht, als ich einem Pfad folgte, an dessen Rändern sich eigentümliche, selbstgebastelte Unterkünfte aufreihten. Vereinzelt erspähte ich eine kleine Plattform mit Rohrgestänge, das in einem Duschkopf endete. Die Ansammlung war weit verstreut zwischen Obstbäumen, Gemüsegärten und einheimischen Bäumen. Es duftete bezaubernd, wahrscheinlich nach Jasmin. Der Weg zog sich hin und dann war ich am Meer. Der Strand, auch hier wie überall, einsam, sauber, schön. Ich beendete meine Inspektion, um noch was vom Mittagstisch abzukriegen. Leckere vegetarische Kost, zu moderatem Preis.
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Schlangestehen an der Essensausgabe

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Mittagessen

Noch fühlte ich mich fremd inmitten dieser bunten Schar von Menschen, sie lächelten mich freundlich an aber liessen mich in Ruhe. So habe ich denn nur beobachtet und mir vorgestellt, wie glücklich doch diese vielen kleinen Kinder aufwachsen.

Jahre später kauften wir selber ein Grundstück und dann erzählten mir meine deutschen Nachbarn, dass sie zweieinhalb Jahre lang in eben dieser Kommune gelebt hatten – bis ihnen die Bürokratie und das Votum-System nicht mehr gefielen. Jedes Kommunemitglied least ein Grundstück und muss sich gleichzeitig den internen Gesetzen beugen, am Ende bewegt sich recht wenig, denn genau wie bei der UNO, kommt selten eine gemeinsame Stimme zustande, einer macht immer von seinem Votum Gebrauch. Na ja, so ganz genau sind mir die internen Regeln nicht bekannt, aber so locker wie ich dachte, geht es dort mit Sicherheit nicht zu. Für Pia, meine Nachbarin war das Leben dort vor 24 Jahren jedenfalls ganz schön hart. Gerade war ihr erstes Kind geboren, es gab keinen Strom (gibt es bis heute nicht, nur Solar), sie und Peter hatten kaum Geld aber eine Kuh. Die melkte Pia täglich und machte Butter, Quark und Sahne selber, pflanzte Gemüse und schrubbte die Stoffwindeln von Hand im Waschzuber. Und genau so leben die heutigen Kommunarden noch immer, ihr schlimmstes Ökoverbrechen ist der Besitz eines Autos, aber selbst die Alternativen müssen Zugeständnisse machen.

Inzwischen war ich zur eifrigen Leserin des Ökomagazins “Grass Roots” geworden. Der interessanteste Teil darin ist die umfangreiche Sektion mit Feedback on Feedback-Briefen. Leser schreiben ihre Erfahrungen und auf diese schreiben wiederum Leser – meist ein älteres Publikum, aber inhaltlich für mich äusserst wertvoll, denn gartentechnisch tickt hier in Down Under alles anders und es gab soviel für mich zu lernen. Nicht, dass ich den Alternativen nacheifern wollte, nein, nur zu meiner eigenen Freude wollte ich Grünzeug und Obst wachsen lassen. Ich schickte der Zeitung ein Foto von Hippeastrum(Amaryllis)-Zwiebeln, die ich in grossen Umzugskartons im Schuppen zwischengelagert hatte und dann völlig vergass. Sehr zu meiner Verblüffung entwickelten die grossen Zwiebeln binnen ein paar Wochen lange Stengel, an deren Enden sich rieisige wunderschöne Blüten entfalteten – und das fast ohne Licht und völlig ohne Erde und Wasser. Ich war baff und wollte meine Freude darüber kundtun. Aus den zahlreichen Briefen, die mich darauf hin erreichten, entwickelte sich zwischen einer Frau aus Sydney und mir ein reger Briefwechsel, der endete, als Mara ankündigte, sie und ihre Tochter wollten nach Bellingen ziehen. Und dann waren sie hier, Mara – ein paar Jährchen älter als ich und ihre Tochter Kris, die als Zeichnerin kurz vorher arbeitslos geworden war, weil Disney Sydney ihre Trickfilm-Produktion eingestellt hatte. Mara wollte wieder so ein ländliches Leben führen, wie sie es aus ihren Jugendjahren in Maine/USA kannte. Und Kris, fast schon Veganerin, träumte schon lange vom alternativen Lifestyle. Als ich dies hörte, erzählte ich den beiden, was ich über die Kommune in Bandagen wusste. Ja, und dort ist es dann tatsächlich passiert. Kris, die 40jährige Grossmutter (!) verliebt sich in einen Kommunarden, bekommt ein Kind von ihm und gemeinsam sind sie nun Teil der grossen Bundagen-Community.
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Stolze (Gross)Mama Kris und Söhnchen Falcon

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Von Sydney-Bondi nach Bundagen – Kris vor ihrem vorläufigen “Haus”. Sobald die übrigen Kommune-Mitglieder ihr OK gegeben haben, wollen Kris und David ein “richtiges” Haus für ihre Familie bauen. Bis dahin heisst es im Freien kochen:

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Freiluft-Küche

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Daddy David und Falcon

 

Mara ist mir als gute Freundin sehr ans Herz gewachsen und ich freue mich mit ihr, dass sie kürzlich auch ihr Paradies gefunden hat – ein schönes Haus mit grosser Wiese, wo Kris und Davids zwei Hobbypferde genügend Auslauf haben – nur einen Kilometer von Bundagen entfernt.

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