NGARUWANAJIRRI – the keeping house

Vorwort
Seitdem ich in Australien lebe, reizt es mich zunehmend, an Orte zu reisen, die abseits der üblichen Touristenrouten liegen. Auf einer solchen Tour im letzten Jahr erfuhr ich von Chris, unserem guide, dass seine Eltern auf Bathurst NT ein Kunstzentrum für behinderte Einheimische betreiben. Das machte mich neugierig und auf Nachfrage bekam ich die Chance zu einem fünftägigen Besuch. Qantas hatte gerade einen Special Sale für Flüge, das gab den Ausschlag, sofort nach Ende der Regenzeit in den Norden zu fliegen. Leider ist der Flughafen in Coffs Harbour nicht wichtig genug, und so musste ich zunächst nach Sydney in den Süden fliegen und von dort aus direkt nach Darwin NT (Northern Territory). Per Fähre gings dann in zwei Stunden nach Bathurst. Bathurst ist die kleinere der zwei ziemlich flachen Tiwi-Inseln in der Timorsee. Melville ist zwar grösser, aber so gut wie unbewohnt und nur mit einer Minifähre von Bathurst aus zu erreichen. Die Tiwis unterscheiden sich in einigen Punkten von den Festland Aboriginals. Sie kennen weder Didgeridoo noch Bumerang und konnten sich dank ihrer Abgeschiedenheit ihre Kultur und Bräuche länger erhalten. Den Bumerang zum Jagen brauchten sie nicht, denn auf den Inseln war und ist reichlich Nahrung vorhanden, die mit dem Speer erlegt wird. Heutzutage wird der Speiseplan obendrein durch eingeführte Arten wie Wildschwein und Büffel ergänzt. Teilweise bedient man sich auch hier inzwischen moderner Hilfsmittel wie Geländewagen und Gewehr. Ich hatte keinen Schimmer, was mich in Nguiu erwarten würde. Nur über Chris wusste ich, dass er passionierter Angler ist ohne selbst Fisch zu essen. Und dann ging’s los ins Abenteuer. Es folgen meine nur leicht modifizierten Tagebuchaufzeichnungen, stilistisch nicht immer einwandfrei, aber ich bin hier ja schliesslich nicht mehr im Dienst….

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Zeitungsaufmacher: In Darwin fischte ein Angler einen Barramundi Fisch, den sich ein Krokodil schnappen wollte!

29. April 2008

Planmässiger Abflug 13.25. Rolf hat mich zum airport nach Coffs Harbour gefahren – in seinen Arbeitsklamotten. Baut zusammen mit Peter für Harry ein neues Deck. Das Flugzeug hat Verspätung, Rolf sagt Tschüss und nur ich denke, dass am Hamburger Flughafen alle Welt auf meinen farbbeklecksten Mann geschaut hätte. Das ist der Unterschied zwischen uns beiden: Rolf hat den australischen Way of Life voll drauf, während ich noch immer den Spagat zwischen beiden Kulturen pflege. aber dieser Trip jetzt nach Far North wird mich sicher ein Stück näher an meinen Gastkontinent führen. Bin mächtig aufgeregt. Aber bevor Rolf geht, kann ich mir nicht verkneifen, Rolf zu fragen, ob er denn tatsächlich in dieser Aufmachung auch zum Hamburger airport gekommen wäre – mit der Chance, dort seine Aufsichtsrats-Kollegen zu treffen. Antwort: Ja, heute würde ich das machen! Kleider machen Leute gilt nicht mehr, heute will ich nur noch ich selbst sein. Zitat Ende. Echt cool.

Ich friere, natürlich ist die aircon in der Abfertigungshalle voll aufgedreht. Draussen scheint die Sonne vom blauen Himmel, aber es ist heute der erste kalte Tag mit nur noch 11 Grad nachts. Mehr Passagiere trudeln ein. Hole mir einen Cappuchino und schlage meine Reiselektüre auf. Bruce Chatwin: Traumpfade. Eine Miniaturausgabe, praktisch für die Reise und wie sich herausstellt, passt der Inhalt wie die Faust aufs Auge.

40 grosse Passagiere und zwei kleine zählt die Stewardess in unserem Flieger. Die Zahl scheint mit dem frischen Passagierausdruck identisch zu sein, denn es geht los nach Sydney. Ich in der zweiten Reihe Gang, neben mir eine Blondine, etwas jünger als ich und im Kongress-Geschäft tätig, wie sich kurz vor dem Sinkflug rausstellt. Dazwischen erfahre ich ausserdem, dass sie und ihr Mann dabei sind, ihr Haus in den Blue Mountains gegen einen Bungalow in Boambee bei Coffs Harbour zu tauschen. Sie zeigt mir den Maklerprospekt, ich erkenne den Creek, da bin ich schon mit dem Kanu während einer Bird-Watching-Tour vorbeigepaddelt, und ich weiss auch, dass man drei Kurven weiter den Creek rauf ans Meer gelangt. Ich rate der Dame, den Deal zu machen.

Warum kriegt man im Flugzeug bloss immer kalte Füsse? Die Fusskälte ist schrecklich, wird aber nur von mir so empfunden. Wie sonst fallen den thongs tragenden barfüssigen locals ihre Füsse nicht ab? Weil sie hart im Nehmen sind. Ich nicht, zumindest was die Kälte betrifft. Und natürlich ist es in Terminal 3 Sydney auch höllisch kalt. Jetzt frieren nicht nur meine Füsse in ihren Wollsocken und Halbschuhen, auch die Hände zeigen blaue Verfärbunen an den Gelenken. Drei Stunden bis zum Abflug, wie viele Runden um die Shops und den Food-Court sind das? 17.10, die Sonne geht golden hinterm Tower unter, vorhin waren es draussen 17 Grad laut Pilotenaussage. In Darwin, wo ich hin will, sollen es doppelt so viele sein laut Internet. Gut so. Aber bis dahin trennen mich noch 3150 Kilometer Luftlinie und 4,5 Stunden Flugzeit. Noch immer in der Halle. Reichlich leere Sessel in den Wartebereichen, esse das Sandwich vom Flug eben, dazu eine Mandarine, die schmeckt noch nach dem Sonnenschein, den sie in meinem Garten mitgenommen hat.

Noch mehr als zwei Stunden bis zum Ablflug. Ich entschliesse mich zu einem frühen Dinner bei Hungry Jack. Doppelter Cheesburer und ein kleiner Becher Osaft zu 6,30 Dollar. Dafür hätte ich im Coffeeshop nebenan noch nicht mal ein Wrap bekommen. Manchmal sind die ungesunden Ketten ganz günstig, besonders auf australischen Flughäfen, wo (fast) alles unverschämt teuer ist. Die Sonne ist weg und der blaue Himmel verfärbt sich purpur-orange-azur-tiefblau. Ein Bild, so irreal wie ein Gemälde von Hockney.

Hier im business-gestylten Terminal 3 bin ich der einzige Tourist, der wie ein backpacker aussieht. Trotzdem starrt niemand mit neugierigen oder gar abwertenden Blicken auf meine olivgrüne mit roten Sprenkeln durchsetzte Aufmachung: 7/8 Hosen zum Abzippen, grobe Leinenjacke mit vielen Taschen, roter Schal und bunt-gestreifter Pulli. Der Riemen meiner Schultertasche drückt auf die Schulter und der Nacken schmerzt, Nikon D70S sei Dank.

Aber was quake ich, allein der Gedanke auf welche Weise anno Achtzehnhundert die ersten Eroberer von Sydney oder Adelaide aus ihre Trecks quer durch den Kontinent nach Norden angetreten haben. Da sage noch einer, Reisen ist anstrengend heutzutage. Noch eine Stunde bis zum Boarding an Gate 5. Gehe zum Buchladen, dort überrascht mich ein Titel von Wibke Bruhns: My fathers Country. Wibke kenne ich noch gut von ihrer Zeit beim Stern und die deutsche Ausgabe ihrer Aufarbeitung mit dem Dilemma eine Nazigrösse und Hitler-Attentäter als Vater gehabt zu haben, hat mir vor einiger Zeit mein deutscher Nachbar geliehen. Ich habe Zeit, über Inhalte nachzudenken. Noch ein Buch springt mir ins Auge von Khaled Hosseini: The Kite Runner. Ich erkenne es gleich, es hat das gleiche cover wie die deutsche Taschenbuchausgabe Drachenläufer, das Teil meiner letzten Buchbestellung aus Deutschland war. Sonst finde ich ausser Haruki Murakami und Bill Bryson keine mir bekannten Autoren. Ein Hinweis, dass die englischsprachige Literatur bei mir noch weitgehend keinen Einzug gehalten hat. Vielleicht ist Rolf ja zu Hause, werde ihn anrufen und ihm schöne Tage ohne mich wünschen. Ich kriege ihn dran und oh, da hat er aber Glück, denn Minuten zuvor sass er noch entspannend im heissen Sprudelbad. Sein karges Abendbrot: Eine Fischdose von Aldi. Aber er sagt, er ist glücklich und zufrieden. Schön. Die Telefonzelle ist neben einem kleinen Doghnut-Stand platziert. Preisliste: 1 Dutzend 16 Dollar, 2 Dutzend 20 Dollar. Einzeln werden die Dinger gar nicht verkauft. Erstaunlich, wie lang die Warteschlange davor ist, obwohl die Gebäckstücke wie uralte Berliner Krapfen mit Loch aussehen. Wundere mich doch, dass man auf sowas abfährt. Macht man mit solchen Kuchenpaketen hierzulande gar Eindruck bei Meetings, oder soll die daheimgebliebene Ehefrau nach einem dirty weekend solcherart getröstet werden? Keine Ahnung. Aber mir fällt plötzlich ein, dass ich mein aufblasbares Schlafhörnchen nicht mitgenommen habe und sehe neidisch auf etliche Passagiere, die ihre Bettkissen – Grösse 80 x 80 schon mal knuddeln. Noch 20 Minuten bis zum Boarding. Vielleicht hat Qantas ja auch Kissen in ihren Fliegern.

Mittwoch 30. April

Das richtige Abenteuergefühl kriege ich, als ich um Mitternacht vor der Jugendherberge ankomme und feststelle, dass die Tür abgeschlossen ist. Dabei hiess es in der Anmeldung doch: late arrivals ok. Bis dahin hatte alles so gut geklappt. Pünktliches Einchecken in die DC 737, Gangplatz, neben mir ein Raucher, der wie ich (Ex-Raucher) Kaugummi kaut und John le Carre liest. Komischerweise bin ich überhaupt nicht müde und brauche daher überhaupt kein Schlafhörnchenkissen. Aber erst über Alice Springs wird mein stinkender Nachbar gesprächig, sein markantes Gesicht kriegt plötzlich weiche Züge und er fragt mich doch tatsächlich, was man bloss fünf lange Tage auf Bathurst Island machen kann. Da sei doch überhaupt nichts los. Der Mann, obwohl Australier, hat keinen Schimmer, dass es gerade das ist, was mich reizt. Kurz vor der Landung gibt er mir noch den Tipp, dass am Terminal-Ausgang ein Stadtbus-Shuttle für Passagiere bereitsteht, 10 Dollaar die Fahrt. Fein, so nehme ich den statt des teuren Taxis zur Jugendherberge. Natürlich werden zuerst alle Hotelgäste ausgeladen, und nachdem auch ich ausgestiegen bin, stehe ich plötzlich ganz allein vor verschlossener Tür. Was nun? Es ist nach Mittrenacht und sehr warm. Ein seitliches Gittertor ist geöffnet, dadurch gelange ich in die Herberge. Oben unterhalten sich zwei Jungs. Ziemlich schweissgebadet steige ich die Treppen rauf, aber dort erfahre ich nur, dass das Office vor fünf Minuten geschlossen wurde. Panik! Welches ist mein gebuchter Raum, wie komme ich an den Schlüssel? Im Geist sehe ich mich zu Fuss die leeren Strassen nach einem Taxi suchen und einem Hotelbett. Und das nur für ein paar Stunden Aufenthalt, nein, das kann nicht sein. Und gerade, als ich mich von dannen machen will, kommt ein schlaksiges Mädchen im Minikleid auf mich zu. Ein Gast, aber von der Chefin instruiert. Sie hat den Schlüssel für die key-box, und fischt einen Umschlag mit meinem Namen und Zimmerschlüssel heraus. Wieder die Treppe rauf, den Gang entlang – unter uns leuchtet diffus der umzäunte kleine Swimmingpool – und dann die Überraschung, als sich die Tür zu meinem 4-bed-room öffnet: Alles leer, keiner da. Fix die warmen Klamotten ausgezogen, geduscht und ab in die untere Koje – frisches Bettzeug ist zum Glück bereitgestellt. Geschafft, denke ich, aber der Ventilator ist entschieden zu laut, auch mit Ohropax nervt das Geräusch. Es dauert geschlagene fünf Minuten, bis ich den Schalter gefunden habe. Muss an meinem Zustand liegen, denn der Raum ist absolut kahl. Um 5.30 rasselt der Wecker. Auschecken, Taxi bestellen und ab zur nahe gelegenen Cullen Bay, wo um punkt 7.30 die Fähre nach Bathurst Island ablegen soll. Ich bin natürlich viel zu früh dort, die Sonne fängt gerade erst an, den neuen Tag zu erhellen, aber drei Tiwi-Frauen sind auch Frühaufsteher. Wir kommen ins Gespräch und es stellt sich raus, dass sie meinen Gastgeber kennen. Na ja, viel Weisse leben ja auch nicht dort. Es ist nett, sie in ihrem Aboriginal-Englisch sprechen zu hören. Sie waren zum Einkaufen auf dem Festland. Schliesslich legt das Schiff mit mir und acht weiteren Passagieren ab. Nach einem Becher starken Pulverkaffee lege ich mich lang über vier Sitze, den Kopf auf der Tasche gepolstert – und schlafe ein.

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Erst emsiges Tun mit dem Tauwerk und Rufe kurz vor der Landung wecken mich auf. Wie peinlich, hoffentlich habe ich nicht geschnarcht, denke ich noch. Ein kleines Boot legt bei und wir und unsere Habseligkeiten steigen um und werden am langen Steg ausgeladen. Ein schmaler Ponton aus blau angemalten Autoreifen. Ich sichte Chris und freue mich, ihn wiederzusehen.

Kurze Fahrt mit dem Landrover durch Nguiu, dem einzigen Ort auf der Insel. Alles da: Schule, Krankenhaus, Kirche, viele Häuser, viele Hunde, viel Abfall. Dann Chris home, das Ngaruwanajirri, oder Keeping House. Kurzer Rundgang durch die Gebäude, Rod Stewart-Berieselung über allem. Halle mit Steinwänden und hoher runder Kuppel, bemalt mit wunderschönen landestypischen Gemälden, überwältigend.

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Darunter an Tischen die Künstler, malend und druckend. Auf Leinwand, Seide und Baumwolle. Chris Mutter Joy, hat wie eine gute Fee ihre Augen und helfenden Hände überall. John, der Vater mit dem langen Pferdeschwanz ist dabei genau so ausgeglichen und ruhig wie sie. Beide waren in ihren früheren Leben Kunsterzieher.

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Die Farben werden selber hergestellt. Ocker (ochre) ist ursprünglich gelb und wird am Cape Fourcroy auf Bathurst gesammelt. Um rote Farbe zu bekommen, wird der Ocker auf Kohlenfeuer geröstet. Die weisse Farbe wird aus Ton gewonnen, die auch an dem Kliff vorkommt. Dann wird der Ocker zu Pulver gemahlen und kann mit Wasser gemischt aufgetragen werden. Bedeckt man die Farbtöpfe mit einer Wasserschicht, bleiben sie haltbar.

Am frühen Nachmittag koppelt Chris sein Tinny = Aluminumboot an den 4WD und gemeinsam mit seinem Vater John gehts runter zur Anlegestelle. Sechs grosse Köderkäfige sind mit an Bord, denn wir wollen Mudcrabs fangen. Die Meerenge zwischen den Inseln Bathurst und Melville ist fischreiches Gewässer, zu beiden Seiten erstrecken sich dichte Mangrovenwälder, die jetzt bei Hochwasser bis zum Blattansatz unter Wasser stehen.

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Ein paar Mal biegen wir in Seitenarme ab und lassen die Drahtkörbe ins Wasser, Schwimmbojen hängen an Seilen in den Mangrovenzweigen. Man merkt, dass Chris und sein Vater ein eingespieltes Team sind, jeder Handgriff sitzt: aus der TK-Box den gefrorenen Fischköder in die obere Öffnung legen, mit Gummistrips verschliessen und dann über Bord werfen dauert nicht länger als eine Minute. Spätestens nach zehn Minuten weiss ich nicht mehr, wo wir sind, geschweige denn würde ich jemals die Köderstellen wiederfinden. Na ja, Chris lebt hier seit 17 Jahren, und ihm sind die Wasserwege trotz ihrer Gleichförmigkeit so vertraut wie mir die Stadtteile in Tokyo – so denke ich wenigstens. Das Meer ist jetzt kappelig, es spritzt, wir sehen Mullets, ein paar kleine Haifische und Aquariumfisch-Schwärme, von denen jeder einzelne Fisch in Geschäften für ein paar hundert Dollar verkauft werden könnte. Das Wasser ist glasklar. Zurück gehts, die Käfige wieder einsammeln. Aber nur in einem hat sich eine Krabbe verfangen.

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John bespickt den Käfig mit neuem Köder und lässt ihn wieder runter. Ihn und die anderen fünf Käfige lassen wir dort. Bis zur nächsten Inspektion morgen sollten wir mehr Glück haben. Mal sehen.

Zurück an der einzigen Anlegestelle legt gerade die kleine Autofähre zum gegenüber liegenden Melville-Ufer ab. Chris fährt den Jeep nah an die Wasserkante und John kuppelt das Boot an den Hänger. Ab gehts zurück ins Keeping House.
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Zum Dinner hat Joy Spaghetti Bolognese vorbereitet. Während des Essens erzählt sie von den Problemen mit der Lebensmittelbeschaffung hier an diesem abgelegenen Ort. Öfter mal bestellt sie Waren bei Coles oder Woolworths in Darwin, die dann mit der Fähre gebracht weren, doch leider fehlt meist die eine oder andere Zutat und das geplante Menü muss dann in eine Alternativmahlzeit umfunktioniert werden. Der einzige Allround-Laden in Nguiu führt zwar alles Wesentliche, aber nichts, was über den Standard hinausgeht und frisches Obst oder Gemüse kommt schon zerknittert dort an. Kein Eldorado für Liebhaber von variationsreicher oder internationaler Küche. Ergo ist es in meiner Gastfamilie denn auch ganz normal, eine einzelne Tomate in hauchdünne Scheibchen geschnitten zu teilen und sich zu freuen, wenn drei welkende Blättchen Rucolablättchen dazu gereicht werden. Mir, die in einem Gemüse- und Obst-Schlaraffenland lebt, tut so ein Verzicht mal ganz gut. Jetzt, beim Schreiben, denke ich mir, dass das Leben auf einer Hallig ähnlich sein könnte…

Donnerstag, 1. Mai

Ein kurzer Regenguss pladdert laut auf die Wellblechdächer. Aber schon nach zehn Minuten ist der Spuk vorbei und die Erde dampft. So ist es hier im Norden die ganze Regenzeit durch: Sehr warm und ständig heftige tropische Güsse und Gewitter. Die meisten Strassen und Wege stehen während der fast sechs Monate Wet-Season unter Wasser – die Einheimischen bleiben unter sich, denn Touris kommen nur während der Dry-Season. Begleite Chris zur Anlegestelle, wo die Transport-Barge aus Darwin angelegt hat und bestellte Waren jetzt ausgeladen werden. Es gibt da zwar auch eine sehr hübsch bemalte grosse Lagerhalle, aber es ist einfacher, die Waren einfach am Platz davor aufzustellen.

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Schon sind die ersten Abholer da, ein paar Matratzen werden in Autos gepackt, Kisten, Körbe und auch jede Menge Baumaterial. Auf der Fahrt hierher mit dem Schiff sprach ich mit einen Weissen, der mir erzählte, dass er drei Wochen bleibt, um Häuser zu reparieren. Er hatte einen riesigen Sack aus Zeltplane dabei, darin befand sich sein ganzes Handwerkszeug. Mir wird bewusst, wie anders dies Leben hier doch ist, wo jeder Nagel und jeder Bleistift nicht selbstverständlich im Regal zu kaufen sind. Chris erzählt, dass manch bestelltes Gut dort tagelang auf Abholung wartet und auch schon mal ganz vergessen wird. Chris fährt sehr langsam, das fällt mir auf, obwohl es doch nur ein paar Autos und entsprechend so gut wie keinen Verkehr gibt. Aber die Kinder sind überall und deretwegen vor allem wird im Schritttempo gefahren. Überall grüsst Chris bekannte Gesichter. Bei nur 1200 Einwohnern kennt sich schliesslich jeder. Einen Weissen, dessen Autoaufkleber ihn als Mitglied des Tiwi-Councils ausweist, fragt Chris, warum er so komische Halbschuhe trägt und erfährt, dass ihm seine Thongs geklaut wurden und er nur dieses zweite Paar Schuhe besitzt. Alle paar Meter steigen Farbige durch die Heckklappe ins Auto ein und lassen sich ein Stück ihres Weges bringen. Nur sehr, sehr wenige Aboriginals besitzen ein Auto und so ist dieser kostenlose Lift eine nette Geste. Chris hält am General Store, der einzige Laden auf beiden Inseln ist in Gemeindebesitz. Davor geht es zu wie in allen Shopping Centern der Welt: Man trifft sich, man spricht, die Kinder kicken Bälle, die Hunde streunen. Am Geldautomaten hat sich eine lange Schlange gebildet. Drinnen gehe ich durch das Drehkreuz, und stapfe dabei durch zentimeterdicke Papierschnipsel. Sind das alles weggeworfene Kassenbons? Ich schlendere durch die Regale. Es herrscht kein Mangel, aber die Auswahl ist tatsächlich nicht gross und die Preise mindestens ein Drittel höher als auf dem Festland. Dann plötzlich ein wildes Geschrei und Gezanke. Ein Streit ist ausgebrochen und sofort wird die Eingangstür verriegelt. Bloss keine Panik jetzt. Aber binnen 30 Sekunden hat sich alles beruhigt und die Tür öffnet sich wieder. Ein bisschen wie im Zirkus.

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Weiter gehts zur Tiwi-Art-Gallery. Während das Keeping House ein vom Staat unterstütztes Unternehmen ist, geht es hier mehr effizient zu. Joy klagte mir ihr Leid, dass die Besitzer dieser Gallerie häufig wechseln. Ein oder zwei Jahre, länger bleiben die meisten nicht. Dies ist natürlich immer schmerzlich, wenn man sich gerade gut angefreundet hat. Trotzdem bekommt hier jeder Künstler einen guten Anteil vom Verkauf, nämlich 50 Prozent. Hier finde ich ein Gemälde, das gut in unser Haus passt. Doch wo ist die Malerin? Denn das war ja der Grund, warum ich zum Bilderkauf den weiten Weg gemacht habe. Ich möchte etwas über das Bild und die Malerin erfahren und wenn möglich, auch mit ihr sprechen. Chris sagt, dass sie gerade ihr Mädchen vom Kinderhort abholt und gleich kommen wird.

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Und da ist sie: Marie, die 30jährige Malerin mit ihrer Tochter, oben das von mir gekaufte Bild mit dem Titel Kurlama. Was Kurlama ist, erfahre ich wunderbarer Weise am nächsten Tag im Museum.

Weiter führt Chris mich auf unserer Stadtrundfahrt zu den so genannten Stoff-Frauen. In einer grossen Halle sind Arbeitstische mit Nähmaschinen aufgestellt, daran nähen und schneiden etwa acht ältere Frauen Kleidung.

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Die Stimmung ist heiter, es wird viel gelacht. Kein Vergleich mit einer Kleiderfabrik, wie man sie manchmal auf Bildern aus China oder sonstwo sieht. Die Stoffe sind des günstigen Einkaufs wegen zwar fast alle aus China importiert, doch bedruckt werden sie hier vor Ort. Grafische Muster, Symbole, Ornamente, alles in klaren Farben mit Schwarz gehalten. Da lacht des Hobbyschneiders Herz und ich versinke sogleich in einem Karton voller Schnipsel. Die Farben sind kräftig und erinnern etwas an afrikanische Stoffe. Ich frage, ob ich die Reste kaufen könne, nein, die wären umsonst. Da ich aber lieber bezahle, suche ich mir noch ein paar mehr aus und drücke der freundlichen Farbigen 20 Dollar in die Hand. Die weisse Chefin sitzt derweil in ihrem gläsernen Büro und hat von alledem nichts mitgekriegt. Ich habe aber ein gutes Gefühl bei dem Deal, schliesslich hat Chris alles mitgekriegt und sein OK gegeben. Im angrenzenden kleinen Laden sehe ich mir die fertigen Stücke an. Es sind vor allem einfache Sommertops und lange Hosen mit Gummizug, so wie man Kleidung hier trägt. Dazu noch ein paar Jeans und Outdoor-Klamotten, die aber vom Festland stammen. Alle hauseigenen Kleidungsstücke tragen das Hauslabel, einen Frauenkopf in einem Spinnennetz. Joy hat mir vorhin erzählt, dass die einheimischen Frauen dieses Label nicht mögen, aber für meine westlichen Augen kommt es gut an. In punkto Mythen bin ich ja auch ein Greenhorn.

Zurück im Keeping House sind alle noch fleissig am Schnitzen, Drucken und Malen. Eine Weile schaue ich jedem bei der Arbeit zu, es irritiert sie nicht, wenn ich sie dabei fotografiere.

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Jeden Mittag fährt Chris oder John die Leute nach Hause, nur die Schnitzer bleiben noch länger vor ihrer Werkstatt, wo sie ihre bemalten Endprodukte in der Sonne trocknen lassen.

Nach dem Lunch fahren Chris und ich im Tinny zu den ausgelegten Krabbenkörben. Aber zuerst werfen wir die Angeln aus. Chris hat sein Echolot eingeschaltet und eine Stelle gefunden, wo sogar ich einen Fisch an die Angel kriege. Beim ersten bin ich noch mächtig aufgeregt. Als Chris meinen hübschen gelb-organgen Fisch allerdings gleich zerschneidet, um ihn als Köder zu benutzen, bin ich erst wieder froh, als ich einen weiteren Burschen an die Angel kriege. Wir wechseln alle paar Minuten die Position, mal gehen wir auf 5, auf 20 und sogar 35 Meter Tiefe. Chris lässt den Anker runter, mein Job ist es, ihn wieder hochzuziehen. Morgen werde ich Muskelkater haben, denke ich.

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Ein junger Haifisch, auch Gummy Shark genannt, oder Flake, wie er in den Geschäften angeboten wird, hängt an Chris Köder. Gelegenheit für mich, so ein Biest mal vom Nahem zu sehen und zu fotografieren. Dieser ist noch ein Baby, kann aber drei Meter gross werden. Ja, ist kein Badegewässer hier…. Dann lenken wir zu den Mangrovenufern und jetzt darf ich wieder helfen: Während Chris das Boot auf Position hält, greife ich zuerst nach der Styropor-Boje und ziehe dann den Drahtkäfig ins Boot. Nachdem wir alle sechs Käfige eingesammelt haben ziehen wir Bilanz: drei grosse Mudcrabs, ein toter Haifisch und ein dicker Cod. Das Dinner ist gesichert: Es gibt Crab-Curry mit Reis.

Freitag, 2. Mai

Imalu, der grosse Hund hat Liebeskummer, weil draussen im Busch seine läufige Dingofreundin wartet und er nicht zu ihr darf. Imalu hat etwa Kälbergrösse und bewegt sich mit dem Temperament einer Schnecke, gibt es einen Mastiff oder so was ähnliches? Gut, dass er schon sehr alt ist, so sieht er nur furchterregend aus. Der zweite Haushund ist ein fast reinrassiger Dingo, der gerade von einer Hundekeilerei zurück ist. Joy ist in tiefer Sorge, weil er zwei ziemlich grosse, tiefe Risse im Fell hat. Natürlich gibt es auf der Insel keinen Tierarzt, der die Wunden nähen könnte.

Nach dem Frühstück – Müsli mit Milch und Kaffee – werde ich von einem Minibus abgeholt. Chris hat mit dem Besitzer von Tiwi-Tours vereinbart, dass ich bis mittags deren Sightseeingtour mitmachen kann. Dafür fahren wir zuerst zum Airstrip, wo kurz darauf ein Miniflieger landet und acht Tagesgäste abliefert. Gemeinsam beginnt die Stadtrundfahrt; am Museum warten schon die zwei einheimischn guides auf ihre “Kunden”. Drinnen finde ich eine mehrseitige Tafel mit einer ausführlichen Beschreibung von “Kurlama” und erfahre, dass dies eine Zusammenkunft von Stämmen ist, die einmal jährlich als eine Art Erntedankfest gefeiert wird. Wobei die Yams Wurzel ebenso eine Rolle spielt wie das Vergeben von Namen für Jungen und Mädchen. In Laufe der letzten Jahrzehnte haben sich die Inhalte der Gesänge verändert, und zeitgemässe Gebrauchsgegenstände wie Eisenbahn, mobile Telefone und Plastikeimer haben auch in diese alte Tradition Einzug gehalten. Ein grosses Kanu ist ausgestellt – es wird darauf hingewiesen, dass die Aboriginals dieses Verkehrsmittel nicht erfunden haben. Frühe indonesische Seefahrer und Händler landeten in diesen Einbäumen an der Küste. Vor allem wegen der in China heissbegehrten Seegurken, mit denen schon lange vor der Besiedelung durch die Weissen Handel getrieben wurde. Ich sehe geschnitzte und bemalte Stehlen für die Toten, Federschmuck, Bastkörbe und einfachen Körperschmuck. Der nächste Raum hängt voller Schwarz-weiss-Fotos aus der jüngeren Geschichte. Hier werden haufenweise Heldentaten von katholischen Missionaren, Söldnern und Politikern gezeigt. Mein persönliches Verhältnis zur Kirche und ihren Missionaren im Gefolge der weissen Besiedelung ist gespalten. Ich weiss über Hermannsburg bei Alice Springs, dass die Farbigen manches Mal nur der tödlichen Verfolgung der Weissen Siedler und des Militärs entkamen, indem sie Unterschlupf bei den Missionaren erhielten. Andererseits finde ich es arrogrant und anmassend von der Kirche, den Eingeborenen, die dem Sinn nach weder unchristlich noch ungläubig sind, ihren angeblich einzigartigen Gott überzustülpen. Hier auf dieser friedlichen Tiwi-Insel hat es die Kirche scheinbar langsam kapiert und schickt keinen Priesternachwuchs mehr her. Nur Anne, eine längst pensionierte Schwester, wohnt noch neben der schönen Holzkirche und wird bleiben.

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Dies Foto beeindruckt mich sehr, zumal, wenn ich mir vorstelle, wie das Leben dieser Nonnen im letzten Jahrhundert an diesem Ort gewesen sein mag.

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Nächste Station ist das Headquarter von Tiwi-Tours, wo frisch gebackene Damper mit Marmelade, Butter und Tee aus dem Billy auf uns warten. Eine kleine Frauengruppe zeigt, wie man Körbe und Untersetzer aus Pandanus- oder Screw-Palmblättern flicht. Dann malen sich alle die Gesichter an und führen uns einen traditionellen Tanz vor. Natürlich komme ich mir blöd vor bei dieser Touristenvorführung. Aber dann sage ich mir, dass diese Menschen einen Job haben und sich etwas Geld zu ihrer Sozialhilfe dazuverdienen. Das kann doch nicht schlecht sein. Erwähnenswert noch: Die Tiwis benutzen kein Didgeridoo, sondern nur kurze dicke Hölzer, mit denen sie Takt und Gesang unterstreichen.
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Etwas abseits sehe ich zwei Cabins und jemand erzählt, dass Tiwi-Tours diese als einziges Unternehmen auf der Insel vermietet. Aha, denke ich, darum hat mich die Ticketverkäuferin an der Fähre gefragt, ob ich auch eine Unterkunft gebucht hätte. Wann wohl zuletzt ein Urlauber hier gelandet ist?

Weiter gehts im Bus die kurze Hauptstrasse lang. Dort ist die Jungsschule und dort werden die Mädchen unterrichtet. Bis zur vierten Klasse wird nur Tiwi gesprochen, dann kommt auch Englisch dazu. Und das ist der Haken. Viele Schüler schaffen es so spät nicht, ausreichende Englischkenntnisse zu erwerben. Denn leider gehen die Kinder nicht oft und auch nicht viele Jahre zur Schule, obwohl der guide versichert, dass Schulpflicht besteht. Aber Chris erzählt mir später, dies ist ein Wunschdenken, leider. So erlangen nur ganz wenige Jugendliche einen Highschool-Abschluss oder schaffen es gar bis nach Darwin auf die Universität. Die meisten Eltern sind gefangen zwischen ihrem alten traditionellen Leben und den modernen Anforderungen. Da alle genug Unterstützung zum Leben bekommen fällt ein Umdenken schwer.

Als die kleine Reisegruppe am “Keeping Haus” landet, bleibe ich wie verabredet gleich da. Mit Freude bemerke ich, wie die Frau aus Adelaide einen Grosseinkauf im Gallerieshop tätigt und auch die anderen Gäste lassen sich zum Kauf des einen oder anderen Kunstwerks verleiten. Später am Küchentisch kriege ich mit, wie Joy gewissenhaft die Buchhaltung mit den Tageseinnahmen schreibt. Es ist heiss geworden und nach einem kleinen Schläfchen fahren Chris, Joy und ich zum Maralumpi Waterhole, wo man ohne Krokodile baden kann. Die Fahrt geht am Flughafen-Airstrip vorbei, dann an einer grossen grünen Grasfläche mit Fähnchen. Ist das ewa ein Golfplatz? Ist es. Der reinste Witz, denn niemand auf der Insel spielt Golf, und noch nie ist ein Besucher mit Golfausrüstung hier gelandet. Aber gepflegt wird der Rasen, jetzt, kurz nach der Regenzeit sieht er noch nach Gras aus, aber in drei Wochen und ab dann bis zur nächsten Saison wird alles gelb und vertrocknet aussehen. Wer sich dieses Projekt wohl ausgedacht hat? Wahrscheinlich die selbe Person, die die Mangofarm ein Stückchen weiter ins Leben gerufen hat. Hübsch stehen sie da, ein paar hundert Mangobäume. Und was dann, frage ich Chris. Ja, als es zur Ernte kam und zum Verschiffen aufs Festland, musste man feststellen, dass dort ebenfalls geerntet wurde, deren Verkaufspreise aber erheblich niedriger waren. So wurde man die köstlichen Tiwi-Mangos nicht los und hat seitdem auch keinen weiteren Versuch gestartet.

Der Asphalt endet hier und dirt road beginnt. Zuerst Wellblechpiste, dann ist die Fahrbahn total zerfurcht von der Regenzeit. Tiefe Löcher, breite Rinnen, ein Bachbett läuft quer rüber, aber der gute 4WD schafft alles. Links und rechts lichter Wald mit kurzem Unterholz, das aber bald abgebrannt wird. Ein Jahrtausende alter Brauch zur Erhaltung der Flora und zum besseren Jagen.

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Das Wasserloch ist ein zauberhafter kleiner See, durch glasklares Wasser kann man in Ufernähe bis zum moorbrauen Grund schauen. Hohe Paperbark-Bäume spiegeln sich und Libellen sausen nervös umher. Ein mystischer Platz, zu schön, um darin zu planschen. Und ausserdem, wer weiss, ob sich nicht ein unerfahrenes Salzwasserkrokodil verirrt hat und in diesem Süsswasser gelandet ist? Wir fahren noch ein Stück bis zum Strand. Nur ein kurzer Blick über die Dünen, wo die Sonne sich anschickt unterzugehen. Leider nicht rot.

Samstag, 3. Mai

Chris fragt, ob ich ihn heute morgen wieder zum Angeln begleiten möchte. Klar, will ich, zumal Wochenende ist und die Künstler in Ngaruwanajirri frei haben. Diesmal lerne ich wichtige Angelregeln. Zum einen das Casting, wobei man die Leine ohne Köder aber mit lure (Blinker) weit von sich schleudert und mit viel Zartgefühl wieder aufrollt. Dann gibt es das Casting mit Köder, wobei der Köder eine Weile am Grund gezogen werden muss. Dritte Möglichkeit: die Leine mit Blinker einfach gerade runter gelassen. Was mir das Liebste ist, denn meine Leine entfernt sich trotz schwunghaften Ausholens nie weiter als drei Meter vom Boot. Aber man darf die Methoden nicht einfach wechseln, auf den Standort kommt es an. Wir sind jetzt nah an den Mangrovenwurzeln, Chris hat einen dicken Barramundi gesichtet.

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Doch leider, leider verheddert sich sein Haken in einem Ast. Und bevor dies Malheur behoben ist, hat sich der König der Fische davon gemacht. Sei ihm gegönnt. Statt dessen schwimmt ein kleines Saltie vorbei. Nur gut, dass der Barra über alle Berge ist, sonst wäre uns womoglich das gleiche passiert, wie dem Angler ganz oben auf dem ersten Foto in der Zeitung! Die Kühltruhe im Boot ist schon ziemlich voll, wir beide zusammen haben mehr aus dem Wasser gezogen, als wir brauchen.
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Darum verschenkt Chris nachher – so wie er es immer tut – viele Fische an andere Familien. Mir gefällt diese Bootstour sehr, ich geniesse die laue Luft, die Spiegelungen und Lichtspiele der Mangroven im Wasser, Vogelgeschrei hin und wieder, hellblauer Himmel mit langgezogenen Wolkenschlieren, ein perfektes Bild des Friedens.

Zurückgekehrt macht Chris sich gleich ans Filettieren der Fische. Es gibt wie jeden Abend als Vorspeise Sashimi, ganz original japanisch mit scharfer Wasabipaste und Sojasausse. So guten frischen Fisch kriege ich nirgendwo sonst zu essen. Köstlich!

Sonntag, 4. Mai

Mein letzter Tag beginnt mit einer Jeepfahrt zum Strand. Wieder der selbe Weg durch den Ort am Airstrip vorbei und durch den hübschen Wald wo ich jetzt auch viele Cycads (Palmfarn, Ordnung: Koniferen) erspähe. To whom it may concern: Palmfarne gelten als lebende Fossilien, da sie das Bindeglied zwischen den Nacktsamern, z.B. Fichte, und den Bedecktsamern, z. B. Rotbuche, darstellen. Sie sind ein Relikt aus der Godwana-Zeit, als Australien noch kein abgetrennter Kontinent war. Auf dem Foto ist eine zweistämmige Cycad zu sehen, was nicht so oft vorkommt.

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Hinter den Dünen ist das ablaufende Ebbewasser zu sehen, aus einem Creek fliesst es schnell ins Meer. Viele Stellen sind mit Steinen bedeckt. Auf diese Flächen hat es Joy abgesehen. Ihr geübtes Auge erspäht zwischen den vielen Steinen immer wieder Fossilien, auf die sie es abgesehen hat. Im Nu ist ihr Rucksack voll. Ein paar kriege ich ab, als Souvenier. Es ist ein schöner Ort hier.

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Hinter der Biegung liegt ein Steilhang mit Ocker-Vorkommen. Da holen sie immer ihren Nachschub für die Gallerie, erklärt mir Joy. Meine Füsse patschen durch Schlamm, wie ich ihn von der Nordsee bei Cuxhaven kenne, nur dass er hier rot ist. Ein Stück weiter ist weisser weicher Sand, wenige Muscheln nur. Dann der Creek mit vielen scharfen kaputten Muschel- und Schneckenresten. Da muss es passiert sein, dass ich mir Schnitte an den Fusssohlen geholt habe. Erst viel später auf dem Rückflug bemerke ich es. Bin ich schon so hart im Nehmen wie die Eingeborenen? Die Zeit wird knapp, wir fahren zurück und schon bin ich reisefertig. John ist nicht mehr da, er musste bereits vor ein paar Tagen nach Darwin. Jetzt warte ich mit Joy und Chris am Flughafen. Pünktlich landet das kleine Flugzeug, das mich zurück nach Darwin bringt – die Fähre ist sonntags ausser Betrieb. In einem Container wird eingecheckt. Alles und jeder wird gewogen. Bei diesem Miniflugzeug und zwei doppeltdicken männlichen (weissen) Passieren ist das ja auch wohl nötig, denke ich. Ein junges Mädchen steht an der kurzen Trittleiter an der Flugzeugtür und erklärt allen die Sicherheitsvorkehrungen. Die beiden Dicken sollen vorne sitzen. Dahinter eine hektische Mutter und ihre reizendes gelocktes Kind mit grossen Kulleraugen.

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Ich setze mich dahinter, neben den Vater. Hinter uns ist Stauraum, der leer bleibt. Zu meinem Erstauen begibt sich das junge Mädchen jetzt ins Cockpit und setzt sich die Hörer auf, es ist die Pilotin! Draussen winken Joy und Chris ein letztes Mal. Mir fiel der Abschied wirklich schwer und ich glaube, auch Joy hat sich über meinen Besuch sehr gefreut. Wir haben festgestellt, dass wir viele Interessen teilen. Ich bin ziemlich sicher, dass ich bald einmal wiederkomme. Diesmal nicht als Fremde, sondern als Freundin.

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Doch zunächst geht es zurück in die sogenannte Zivilisation. In Darwin habe ich bis weit nach Mitternacht Aufenthalt, den ich zum Besuch des berühmten Mindi-Marktes am Strand nutze. Die Tochter einer Freundin aus Bellingen wohnt in Darwin und hilft mir, den Zwangsaufenthalt zu überbrücken. Wie jeden Donnerstag und Sonntag finden sich Hunderte ein, um den Sonnenuntergang am Strand zu erleben. Da ich an der Ostküste wohne, ist dies auch für mich eine Besonderheit über die ich mich jetzt freue

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