Wie Renkon aus Naruto in Bellingen zum Wachsen kam

Und das kam so: Im August 2012 verbrachte ich zusammen mit meiner Freundin Eiko ein paar Tage in Naruto und Umgebung. Das ist ein kleiner Ort auf einer der vier Hauptinseln namens Shikoku. Dabei fielen mir viele kleine und grosse Felder mit Lotuspflanzen auf und mein gärtnerischer Spürsinn erwachte: ob ich wohl in meinem Garten auch Lotus anbauen könnte? Ich hatte dabei weniger die wunderschönen Blüten im Auge, sondern die Wurzeln, den Renkon, der in Scheiben gebraten, mit Chilli gewürzt eine Delikatesse sondergleichen ist.
Eiko und ich sassen im Bus und sprachen darüber. Und kamen mit einem älteren Herrn ins Gespräch, das heisst, Eiko natürlich, denn ich spreche ja kein Japanisch. Und – oh Wunder – dieser Herr stellte sich als Renkon-Experte heraus und war bereit, wenn die Pflanzen in Saat gegangen wären, einige davon an Eiko mit der Post zu schicken. Oh, wie ich mich über diese nette Geste freute! Aber das eigentliche Wunder ergab sich erst später. Wie Eiko mir erzählte, landete ebendieser Adressen-Zettel zusammen mit dem Hemd in der Waschmaschine und wurde total unleserlich. Welche Nöte mag dieser Mann da ausgestanden haben, er hat etwas versprochen, und konnte es nun nicht einlösen. Aber Not macht erfinderisch. Glücklicherweise hatte Eiko während des Gesprächs im Bus erwähnt, dass wir das Kriegsgefangenenlager in Bando besichtigen würden. Ja, und dorthin ist der Mann gegangen und hat tatsächlich Eikos Adresse bekommen. Und dass man in Bando um Eikos und meine Existenz wusste, kam daher, dass wir dort mit dem Direktor bei einer Tasse Kaffee in seinem Büro über einen bestimmten Text sprachen. Vor einigen Jahren hatte meine Mutter nämlich geholfen, einen Text aus dem dortigen Archiv aus altdeutscher Schrift in moderne deutsche Schrift zu übersetzen – natürlich war auch damals Eiko als Vermittlerin im Spiel. Ja, wie die Zufälle das Leben bestimmen!
Jedenfalls stand nun einer Versendung frischer Lotus-Samen nichts mehr im Weg. Ende 2012 kam hier ein dicker Brief mit dem Zollvermerk: „Inhalt: Bonbons“ an. Das war natürlich riskant, denn eigentlich ist es verboten, Samen nach Australien zu schicken. Aber mein Wunsch war stärker, nun hatte ich die Samen und musste nur noch auf den Frühling warten. Im Internet hatte ich mich schlau gemacht, wie man die Samen zum Leben erweckt. Nämlich an der stumpfen Seite mit der Feile die schützende, harte Oberschicht entfernen und die Samen in ein Wasserglas legen. Jeden Tag das Wasser wechseln und schon bald springt das Korn auf und entlässt dünne grüne Triebe, die schnell zur Wasseroberfläche streben. Währenddessen bereitete ich schon den Umzug für die kleinen Renkonpflanzen vor. Ein grosser Plastikeimer wurde mit Erde gefüllt und darin einige Samen gesteckt. Den Eimer habe ich dann vorsichtig in eine ehemalige Kuh-Tränke versenkt. Ich hoffe nun, dass die Pflänzchen in der Erde auch Knollen treiben werden. Die Blätter jedenfalls sind schon bis zur Wasseroberläche gewachsen. Ganz ähnlich habe ich auch eine alte Badewanne vorbereitet, die jetzt im Hühnerauslauf steht. Erde rein und Wasser bis zur Oberfläche, dann ebenfalls die Samen in die Erde gesteckt. Seit drei Wochen beobachte ich nun täglich, wie die Blätter allmählich grösser werden.
Der Anfang ist getan, und im Herbst wird sich hoffentlich zeigen, ob sich die Saat zu schönen Renkon-Wurzeln entwickelt hat.
Wenn nicht, werde ich einen neuen Versuch starten, da sind noch einige Samen aus der Lieferung. Und laut Wikipedia halten sich die trockenen Samen jahrzehntelang. Aber ich denke, dies Projekt hat so vielversprechend begonnen, da muss es einfach ein gutes Ende finden.

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